University of Bremen







         
 

 

 

Projektgruppe "Betriebliche Konsequenzen von Arbeitssucht

Leitung
Prof. Dr. H. Heide/Prof. Dr. R. Wahsner
Projektgruppe
Dr. Sabine Wolf/Dipl. Ök. Stephan Meins

Die folgende Kurzfassung gibt einen Einblick in die von der Hans Böckler Stiftung geförderte Vorstudie zu einem Projekt mit dem Titel: „Betriebliche Konsequenzen der Arbeitssucht". Wir danken der Hans Böckler Stiftung, das sie dieses Projekt als Teil eines breiter angelegten sozialökonomischen Forschungsvorhabens ermöglicht hat.

Die Zielsetzung der vorliegenden Studie, die von uns zwischen März und Juni 2003 durchgeführt wurde, lag vor allem in der Erschließung eines bisher kaum bearbeiteten Forschungsfeldes: dem Zusammenhang zwischen Stress und Arbeitssucht. Trotz des großen Interesses, das dem Thema Arbeitssucht in den Medien entgegengebracht wird, steht eine wissenschaftliche, auf empirische Befunde gegründete Auseinandersetzung gerade mit den betrieblichen Konsequenzen von Arbeitssucht noch aus. In unserer Untersuchung konnten wir erste Erkenntnisse über die in vielen Betrieben besonders im Angestelltenbereich auftretende Problematik von Arbeitsbelastung, Verantwortung, Stress und überlangen Arbeitszeiten gewinnen, die zusammen mit einem oftmals vorherrschenden auf Vielarbeit gerichteten Arbeitsklima zumindest für das latente Vorhandensein von Arbeitssucht sprechen. Die Bedingungen am Arbeitsplatz scheinen, so unsere durch die Studie erhärtete These, gerade solchen Personen entgegen zu kommen, die mit einem starken Leistungswillen ausgestattet sind und deren Selbstfindung vor allem durch den Bezug zur Arbeit geprägt ist. Die Studie liefert über die Erschließung des Forschungsfeldes hinaus wichtige Erkenntnisse und verdeutlicht die Notwendigkeit weiterer empirischer und theoretischer Forschung. Die Veröffentlichung des Abschlussberichts ist für Herbst 2003 geplant.

Kurzfassung der Vorstudie: „Betriebliche Konsequenzen der Arbeitssucht"

1. Aufgabenstellung

Das Projekt verfolgt zwei Hauptaufgaben: Erstens wurde eine Erhebung über bestehende Betriebs- bzw. Dienstvereinbarungen zum Umgang mit Suchterkrankungen und zur Gesundheitsförderung durchgeführt und zweitens haben Gespräche mit Experten verschiedener betrieblicher Gruppen an Hand von Leitfadeninterviews stattgefunden. Die Experteninterviews sollten Aufschluss darüber geben, wie die Problematik psychischer Belastungen eingeschätzt wird, welchen Stellenwert die betriebliche Gesundheitsförderung hat und welche Branchen und Berufsgruppen besonders von Arbeitssucht betroffen sind.

In einem ersten Teil erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit zentralen Konzeptionen der Stress- und Belastungsforschung, der Suchtforschung sowie mit sozialökonomischen Erklärungsansätzen, um die Verbindungslinien zwischen den verschiedenen Forschungssträngen zu verdeutlichen.

Der zweite Teil wendet sich den beiden empirischen Teilaufgaben der Vorstudie zu, der Durchführung und Auswertung von Betriebs- bzw. Dienstvereinbarungen und Expertengesprächen. Damit wird eine Grundlage geschaffen, die die Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen, insbesondere durch die „freiwillige" Ausdehnung der Arbeitszeit, und dem Auftreten von Suchterkrankungen, vor allem von Arbeitssucht, aufzeigt.

2. Ergebnisse

Zusammenfassend sind folgende Verbindungslinien zwischen den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen hervorzuheben: Erstens verdeutlicht der Salutogeneseansatz, dass Arbeitssüchtige nicht über genügend gesunderhaltende Ressourcen, wie ein stabiles Selbstsystem, verfügen; zweitens liegt ein Erklärungsansatz der intrinsischen Motivation vor, der den individuellen Sozialisationsprozess einbezieht. Die dort beschriebenen Eigenschaften, wie Bedürfnis nach Anerkennung und Angst vor Misserfolg, weisen deutliche Parallelen zu den in der Suchtforschung formulierten Merkmalen von Arbeitssüchtigen auf und drittens entfaltet das theoretische Konstrukt der Spannung und ihrer Bewältigung durch den Gebrauch von Suchtmitteln eine methodische Parallele zum Stress-Coping-Modell.

Als Ergebnisse der empirischen Aufgabenstellungen sind festzuhalten:

Erstens zeigte die Erhebung der Dienst- und Betriebsvereinbarungen, dass – abgesehen von der bremischen Verwaltung - vielfach keine Regelungen zum Umgang mit suchterkrankten MitarbeiterInnen vorliegen. Es besteht Regelungs- und Handlungsbedarf, denn in den meisten Betrieben gibt es kaum ein Problembewusstsein. Auch in Bezug auf Maßnahmen, Vereinbarungen und verbindlichen Leitbildern zur betrieblichen Gesundheitsförderung sind nur in wenigen Betrieben Ansätze vorhanden.

Zweitens wurde aus den Leitfaden-Interviews deutlich, dass ein differenzierter Blick auf das Arbeitsmanagement notwendig ist. Während im produktionsnahen Bereich starre Arbeitszeitregelungen vorherrschen, ist im Bereich der höher qualifizierten Angestellten eine erhebliche Zunahme der Arbeitsbelastungen zu verzeichnen. Verbunden mit einem starken Konkurrenzdruck und der zunehmenden Arbeitsplatzunsicherheit führen vielschichtige Faktoren zu einer Kultur des Vielarbeitens, die Arbeitszeiten von regelmäßig bis zu 10 Stunden täglich zur Selbstverständlichkeit werden lässt.

In unserer Untersuchung konnten wir deutliche Anzeichen für die Latenz von Arbeitssucht ausmachen. Die Aussagen unserer Gesprächspartner, die manifeste Fälle von Arbeitssucht schilderten, bestätigten das Auftreten von Ausfallerscheinungen und Krankheitssymptomen. Dies deutet über die Einzelfälle hinaus auf eine Verbreitung von Arbeitsucht in den Betrieben hin.

Während es bei Alkoholerkrankungen zumeist gut funktionierende Interventionsketten gibt, wurden bei anderen Suchterkrankungen deutliche Mängel der betrieblichen Suchthilfe erkennbar. So fehlt es sowohl bei stofflichen Suchterkrankungen als auch bei nichtstofflichen Süchten an Möglichkeiten, betroffene MitarbeiterInnen zu identifizieren. Die empirische Untersuchung hat deutliche Hinweise auf die Existenz von Arbeitssucht gerade im Bereich qualifizierter Tätigkeiten erbracht. Vor allem bei Beschäftigten, die eine übersteigerte Anpassung an die Normen der Leistungsgesellschaft sowie eine außerordentliche Leistungsbereitschaft aufweisen, ist zu vermuten, dass gerade sie mit den nötigen individuellen Dispositionen ausgestattet sind, um innerhalb der Leistungskultur moderner Betriebe zu bestehen. Gleichzeitig ist es aber dieser Persönlichkeitstyp, der nur wenige Ressourcen zur Bewältigung von Stress und psychischen Belastungen mobilisieren kann. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bedenklich, dass in allen untersuchten Betrieben eine Arbeitskultur deutlich wurde, die Vielarbeit als Bedingung für Status, Anerkennung und Karrieremöglichkeiten in den Vordergrund rückt. Gerade in den Leistungseliten der Betriebe herrscht eine Arbeitsatmosphäre vor, die eine deutliche Nähe zum Phänomen Arbeitssucht aufweist.

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