University of Bremen





         
 

 

 

 

 

 

Arbeitspapiere zur sozialökonomischen Ostasien-Forschung

Nr. 1

Soziale Implikationen der erfolgreichen Strategie der Weltmarktintegration Südkorea.
Holger Heide (1997)

0. Vorbemerkung.

Der folgende Text ist ursprünglich als Manuskript für einen Vortrag auf der Tagung „Weltwirtschaftliche Integration und Armut“ an der Universität Bremen im Februar 1995 entstanden (1) . Die seitdem eingetretenen Veränderungen legten eine Aktualisierung nahe. Bei dieser Gelegenheit konnten auch ein paar zusätzliche Aspekte aufgenommen werden, die sich in unsrem sozialökonomischen Forschungsprojekt ergeben haben. Sie haben im wesentlichen noch den Charakter von Hypothesen und sind Gegenstand weiterer Forschung. Insbesondere gehört dazu die vertiefte Auseinandersetzung mit der realen Bedeutung des Konfuzianismus, des Nationalismus (darunter der Haltung gegenüber ausländischen ArbeiterInnen) und mit einigen wesentlich sozialpsychologischen Dimensionen des südkoreanischen Entwicklungsweges.

1. Ökonomischer Aufstieg - sozialer Konflikt

Südkorea gilt immer noch vor allem als Beispiel einer erfolreichen Weltmarktintegration in kürzester Zeit. Mitte der fünfziger Jahre noch der agrarisch strukturierte ärmere Teil eines geteilten Landes, verwüstet durch den auf seinem Territorium ausgetragenen ersten 'heißen' Krieg zwischen Ost und West, ist es seit Dezember 1996 das jüngste Mitglied der OECD.

Zeitgleich mit der endgültigen Aufnahme in diese Organisation der industrialisierten Länder ist aber ein neues Bild der sozialen Wirklichkeit Südkoreas ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt. Auf die von den Medien verbreiteten Bilder vom Generalstreik und den schweren Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Angestellten und der Polizei auf den Straßen reagierten die Menschen hier teils bewundernd, teils erschrocken angesichts der Militanz und der - wie es aussah - eisernen Disziplin der kämpfenden Massen.

Ein paar Monate vorher schien alles noch ganz anders, seitenverkehrt sozusagen: In Korea saßen die Menschen vor den Bildschirmen und sahen bewundernd und neidvoll auf die scheinbar machtvollen Großkundgebungen gegen Sozialabbau aus Deutschland.

Seit Jahren besuchen Gewerkschaftsdelegationen aus Südkorea gerade Deutschland in der Hoffnung, dem Geheimnis für die doch offenbar so erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit mit Betriebsräten, mit Mitbestimmung, vor allem aber einem unfassbar hohen Organisationsgrad auf die Spur zu kommen und dieses Konzept womöglich im Fluggepäck mit nach Korea nehmen zu können. Das geschieht vor dem Hintergrund, dass es in Südkorea kein Industriegewerkschaftssystem gibt und dass jede Gewerkschaft gesetzlich in ihrer Organisation und in der Tätigkeit und Wirksamkeit auf die Betriebsebene beschränkt ist.

Wozu ein solches Betriebsgewerkschaftssystem führt, ist klar: In den großen modernen Betrieben mit starken Gewerkschaften ist es in den letzten Jahren gelungen, enorme Lohnerhöhungen, günstige Arbeitszeitregelungen, und alle möglichen betrieblichen Sozialleistungen zu erkämpfen. In den kleineren Betrieben mit entsprechend schlechteren Bedingungen für Gewerkschaftsarbeit gibt es für all das kaum eine Chance. Seit dem großen Aufbruch der demokratischen Gewerkschaftsbewegung nach der Beendigung der Militärdiktatur 1987 haben so die Lohndifferenzen und die Differenzen in den Arbeitsbedingungen zwischen verschiedenen Betriebsgrößenklassen stark zugenommen.

Und nun scheint also plötzlich alles umgekehrt. In Korea geht der Streik nicht nur über die Betriebsgrenzen hinaus, es wird ohne viel Federlesens der politische Generalstreik ausgerufen. Und in Deutschland haben wir bei der Reaktion auf den Angriff gegen die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gerade erlebt, wie je nach der betrieblichen Stärke der Gewerkschaften und je nach der Stellung des Unternehmens in der Konkurrenz die Lohnfortzahlung mehr oder weniger stark abgebaut worden oder mit mehr oder weniger großen Zugeständnissen in anderen Punkten erkauft worden ist. Korea auf dem Weg zu kampfstarken Industriegewerkschaften und in Deutschland der Rückzug auf den Betrieb?

Seit 10 Jahren kämpfen die 1987 neu aufgebauten demokratischen Gewerkschaften nunmehr für die Abschaffung bzw. grundlegende Revision der verhassten Arbeitsgesetze aus der Zeit der Militärdiktatur, die jede freie Gewerkschaftsarbeit behindern oder gar unmöglich machen. Die wichtigsten repressiven Bestimmungen darin sind:

dass es in jedem Betrieb nur eine Gewerkschaft geben darf, was bedeutet, dass die neuen demokratischen Gewerkschaften illegal sind, wenn es vorher schon eine „gelbe“ Gewerkschaft gab;

dass jede „Einmischung Dritter“ in einen Arbeitskampf verboten ist, was bedeutet, dass nicht nur jeder Solidaritätsstreik illegalisiert, sondern auch jede Tätigkeit von außerbetrieblichen Gewerkschaftsfunktionären kriminalisiert ist;

dass Gewerkschaften der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, insbesondere der LehrerInnen illegal sind;

dass der gesamte demokratische Gewerkschaftsverband („Minju Nochong“ bzw. „KCTU“) illegal ist.

Von der Regierung waren - insbesondere unmittelbar vor Wahlen - immer wieder Entschärfungen des Arbeitsgesetzes in Aussicht gestellt worden. Statt dessen kam es Ende letzten Jahres zu der Nacht- und Nebelaktion der Regierung, die schließlich die Kämpfe ausgelöst hat: Am 26. Dezember trat das Nationalparlament ohne die Opposition (die war gar nicht eingeladen worden) um 6 Uhr früh zusammen, verabschiedete in insgesamt 11 Abstimmungen innerhalb von 7 Minuten eine Verschärfung des Arbeitsgesetzes und gleich noch eine Verschärfung des berüchtigten Nationalen Sicherheitsgesetzes, das den Geheimdienst Angibu wieder mit Vollmachten ausstattet, wie er sie in den finstersten Zeiten der Militärdiktatur gehabt hatte.

Was das Arbeitsgesetz angeht, so beschloss das Rumpfparlament unter anderem

eine Ausweitung der Flexibilität der Wochenarbeitszeit von 44 auf 56 Stunden ohne Überstundenvergütung;

eine weitgehende Beseitigung des Kündigungsschutzes und damit Erleichterung von Massenentlassungen;

den unmittelbaren Einsatz von Streikbrechern im Fall von Arbeitskämpfen;

eine ausdrückliche Verlängerung des Verbots des demokratischen Gewerkschaftsverbandes Minju Nochong zunächst bis zum Jahre 2000.

Der Vorstand von Minju Nochong reagierte 20 Minuten nach Beendigung der Parlamentssitzung mit dem Aufruf zum Streik.

 

2. Das "Modell Korea"

Über das "Geheimnis" des Modells Korea ist im Laufe der Jahre viel gerätselt worden. Im Gegensatz zur Interpretation, die eine ganze Reihe von Jahren von der Weltbank und anderen Interessierten aufrechterhalten wurde, ist die koreanische Entwicklungsstrategie weder nach innen noch nach außen je eine marktwirtschaftliche Strategie gewesen. Das Modell Korea war vielmehr das einer staatsgeleiteten Strategie der Weltmarktintegration. Neben den günstigen geo-politischen Rahmenbedingungen war für den Erfolg vor allem eine nationale Entwicklungsstrategie verantwortlich, die ich als "Stabilität durch Flexibilität" bezeichnen will(2) .

Die Jahrzehnte seit 1960 sind durch einen gegenüber schwachen gesellschaftlichen Klassenkräften starken Staat gekennzeichnet. Diese Aussage bedeutet nicht, dass der Staat einfach nur militärisch stark war - obwohl er sich noch bis Ende der achtziger Jahre auf das Militär und auf den starken Geheimdienst stützte -; "stark" war der Staat vor allem im strategischen Sinne, er war nicht konservativ. Seine Politik war flexibel, nicht starr (3).

2.1. Historische Ausgangslage

Die Schwäche der gesellschaftlichen Klassenkräfte erklärt sich aus der Ausgangssituation nach der Befreiung Koreas aus japanischer Kolonialherrschaft. Die Angehörigen der konservativen Klassen (vor allem die Grundbesitzer) hatten im allgemeinen mit der japanischen Kolonialmacht kollaboriert und fanden sich daher politisch im Abseits. Ein starkes Bürgertum hatte sich unter der japanischen Herrschaft ebenso wenig herausbilden können wie eine Führungsschicht. Die verarmten Bauern (in der Regel Pächter oder Landarbeiter) hofften auf eine Landreform, die ihnen Eigentum an dem von ihnen bearbeiteten Boden bringen sollte und sahen daher in den Entscheidungen für eine sofortige Landreform in Nordkorea ein Vorbild. Die Arbeiter waren zahlenmäßig schwach, und - abgesehen von der nordöstlichen Bergwerksregion - auf viele kleine und kleinste Betriebe verstreut. Trotz ihrer deutlich sozialistisch-komunistischen Orientierung waren die Arbeiterorganisationen daher allein zahlenmäßig noch schwach.

Am Anfang stand eine breite, politisch-moralisch starke Volksbewegung, die ihre Wurzeln im anti-japanischen Widerstand hatte und die Befreiung vom japanischen Kolonialismus als soziale und nationale Emanzipation verstand. Sie nutzte das von den Besatzern hinterlassene Machtvakuum und begann sofort, von unten nach oben einen eigenen koreanischen Staat aufzubauen mit Volkskomitees in den Dörfern, Städten und Provinzen und schließlich einer provisorischen Volksrepublik in der neuen Hauptstadt Seoul.

Die amerikanischen Truppen waren als Sieger über den japanischen Imperialismus sehnsüchtig erwartet worden, entpuppten sich dann aber sofort nach ihrer Landung in Inchon - einige Tage nach Ausrufung der Volksrepublik - als neue Besatzer. Sie bildeten eine Militärregierung, die als erstes alle Selbstverwaltungsorgane und später auch den Nationalen Gewerkschaftsverband und den Bauernverband auflöste. Das war der Beginn eines langen Widerstandskampfes bis hin zum organisierten Partisanenkrieg, der sich von Seiten des schließlich etablierten südkoreanischen Staates und der amerikanischen Streitkräfte immer mehr in einen Kampf zur Niederhaltung und schließlich Zerschlagung jeglicher emanzipatorischer Bewegung entwickelte (4).

Zu den Versuchen, die Kämpfe zu entschärfen, kann neben der Nahrungsmittelhilfe aus den USA auch die nach mehreren Anläufen auf Drängen der amerikanischen Regierung durchgeführte südkoreanische Landreform von 1950 gelten, die die Großgrundbesitzer als politische Klasse entmachtete und eine kleinbäuerliche Klasse schuf, die in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem auf Dauer allerdings nicht überlebensfähig sein würde (5).

Der verheerende Korea-Krieg, der den Norden wie den Süden des Landes in Schutt und Asche legte, war nicht nur der erste heiße Krieg zwischen Ost und West, er zerstörte nicht nur die restliche oder gerade aufgebaute materielle Infrastruktur, er zerstörte mit den Menschen vor allem ideologisch und organisatorisch die Linke und mit ihr allen Glauben an die Zukunft, an eine Alternative. Die Zerstörung war bis in die Seele der Menschen gedrungen.

Das ist keine Basis für irgendeine Form von Entwicklung. Und in der Tat versackte das Land für das restliche Jahrzehnt in Armut, Korruption und Misswirtschaft. Die Kerne für eine Großbourgeoisie waren aus der Übernahme vormals japanischer Unternehmen durch leitende Manager und aus dem durch den Verkauf bzw. die Entschädigung von Grundbesitz gebildeten Kapital entstanden, der Ursprung des Staat-Chaebol-Komplexes.

Das war die Grundlage, die die Militärs unter Park Chung-Hee vorfanden, als sie mit ihrem Putsch 1960 eine "Entwicklungsdiktatur" begründeten. Im Gensatz zu seinem ursprünglichen Programm, das eine Zerschlagung der parasitären Chaebol vorsah, erkannte Park schnell, dass er für die Durchsetzung seiner Entwicklungspläne in den in den Jahren zuvor gewissermaßen „aufgepäppelten“ neuen Industriellen wichtige Partner haben konnte. Durch Einbeziehung in die neue dynamische Entwicklungspolitik wurde aus dem ehemaligen „Bürokratiekapital“ eine in ihren ökonomischen Interessen von der Regierung abhängige und sie gleichzeitig stützende neue herrschende Klasse (vgl. Lee, E.J. 1993, S. 80).

2.2. Entwicklung der individuellen Produktivität

Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt ist niemals ausschließlich eine Frage niedriger Produktionskosten, sprich Löhne, sondern umfaßt immer den wesentlichen Aspekt der Produktivität. Der Zwang zur Erhöhung der Produktivität wird gerade über den kapitalistischen Weltmarkt vermittelt.

Es erscheint dabei sinnvoll, zwischen einer individuell-betrieblichen Produktivität und einer gesellschaftlichen Produktivität zu unterscheiden.

Grundlage jeder Produktivität ist der Gebrauchswert der Arbeitskraft. Sie setzt sich zusammen aus der Qualifikation im Sinne der Fähigkeiten und Fertigkeiten einerseits sowie der Bereitschaft, diese Qualifikation für einen in der Regel fremdbestimmten Zweck einzusetzen.

Angesichts der ursprünglichen politisch-moralischen Stärke zur Entwicklung einer eigenständigen Alternative musste insbesondere die grundlegende Bereitschaft, sich auf das kapitalistische, zunächst als "fremd" empfundene, System einzulassen, erst erzeugt werden. Grundsätzliche Voraussetzung dafür sind die tatsächliche Zerstörung aller realistischen Alternativen und die Entwicklung und Durchsetzung von geeigneten Ideologien zur Untemauerung des neuen Systems.

Die ideologische Offensive wurde entwickelt als eine einzigartige Mischung aus konfuzianistischen, militaristischen, nationalistischen und im engeren Sinne kapitalistischen Elementen (6).

Allein die personelle Schwächung der Linken durch Partisanenkrieg und Koreakrieg hatte zur Folge, dass Menschen mit zumindest konservativen Grundhaltungen zu Lehrern der jungen Generation wurden. Gerade durch den Rückgriff auf konservative Werte wie die Verehrung der Älteren, des Patrons, der Obrigkeit, der Familie und die Geringachtung der Frauen, aber auch die Sanktionierung jeglicher Auflehnung, konnte das entstandene ideologische Vakuum gefüllt werden (7).

Das nach der Frustration über die amerikanische Politik, die die nationale Einheit und die soziale Emanzipation verhindert hatte, in breiten Teilen des Volkes verbreitete Gefühl des Anti-Amerikanismus konnte in einem Prozeß der Auslöschung des Bewußtseins über die eigene Geschichte, der einer kollektiven Identifikation mit dem Aggressor entspricht, bei den folgenden Generationen in einen Anti-Kommunismus verwandelt werden (Hwang Byung-Duck 1989, S. 175) (8). Im Namen des Anti-Komunismus wurde die gesamte Gesellschaft militarisiert, die an der Industrialisierung Beteiligten wurden zu "Soldaten der Produktion". Der Nationalismus versuchte (trotz der "Normalisierung" der Beziehungen zu Japan schon Mitte der sechziger Jahre) auf dem in der Bevölkerung fest verankerten Anti-Japanismus aufzubauen, und er wurde vermischt mit der Verheißung nationalen (und in der Folge damit) individuellen Wohlstands (Korea auf dem Weg zur "Number One" in der Welt).

2.3. Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivität

Eine bloße Globalsteuerung wurde angesichts der Aufgabe, die gesamte Industriestruktur schnellstens zu effektiveren, als inadäquat betrachtet. Eine straffe staatliche Planung mit einer effizienten Realisierungskontrolle hat nicht nur gegenüber der privaten Wirtschaft im Schutze einer selektiven Außenwirtschaftspolitik präzise Branchenziele, sondern sogar Investitions- und Produktionsziele für einzelne Konzerne durchgesetzt. Der Begriff der Konkurrenz wurde dabei von Anfang an rein strategisch verstanden, als Mittel zur Durchsetzung von mehr Effizienz, nie als eigenständiges Ziel (vgl. Chang 1993, 139f).

Als wichtigste institutionelle und organisatorische wirtschaftspolitische Steuerungsmittel wurden eingesetzt:

- Der Aufbau eines ökonomischen Planungsministeriums nach dem Vorbild des japanischen MITI; die höchste Entscheidungsgewalt lag aber anders als beim japanischen Vorbild in Korea beim Präsidenten selbst (Lee, E.J. 1993, S. 81).

- die Auswahl der in der jeweiligen Planungsphase zu bevorzugenden Sektoren ("promising strategic industries") sowie der zur Realisierung der Planungen geeignet erscheinenden Chaebol;

- die Verstaatlichung des gesamten Kreditapparats;

- die totale Kontrolle des Außenwirtschafts- und Zahlungsverkehrs;

- die Implementierung einer Investitionspolitik, die nicht nur mit Anreizen, sondern mittels Anordnung und Kreditunterstützung, "strategischen Krediten" und Steuererleichterungen, bis hin zu drastischen Strafen arbeitete (9).

Die innere Logik dieser Strategie wird in folgender Übersicht deutlich (gegenüber liegende Seite).

Dass eine derartige Kombination aus Verstaatlichung und zentralistischer Planung effizient sein konnte, hat den neo-liberalen Denkern so wenig eingeleuchtet, dass sie diese Tatsache eine Zeit lang schlicht „übersehen“ haben. Insbesondere liegt diesem Denkschema die Vorstellung zu Grunde, eine Bürokratie könne schon deshalb nicht so effizient sein wie ein marktwirtschaftliches System, weil die Unternehmen immer über die fähigsten „Köpfe“ verfügten. Diese Vorstellung, für die im Westen der Augenschein spricht, lässt die Tatsache unberücksichtigt, dass in Ostasien, insbesondere in Korea, der Staatsdienst traditionell ein so hohes Ansehen genießt, dass es nicht eines für den Staat unbezahlbaren Wettbewerbs bedarf, um die fähigsten Strategen abzuwerben.

Tabelle 1: Übersicht über die Entwicklungsstrategie Südkoreas anhand der

Fünfjahrespläne 1962 - 1996

2.4. Resümee: Strategische Planung

Inhaltlich läßt sich die koreanische Entwicklungsstrategie als erfolgreicher Versuch eines systematischen Upgrading der Wirtschaftsstruktur bezeichnen, das sukzessive durch den Ausbau einer ökonomischen und nach und nach auch sozialen Infrastruktur abgesichert wurde.

Seit Anfang der achtziger Jahre tritt eine schrittweise Liberalisierung der vorher streng kontrollierten Außenwirtschaftsbeziehungen hinzu, die schließlich nach der Umgestaltung des Staates nach der Erhebung von 1987 - wenn auch zögernd - auch in eine Demokratisierung übergeht.

Das dahinterstehende Konzept war strategisch-dynamisch. Grundlegend war eine gezielte Auswahl strategisch wichtiger Industrien, die entweder überhaupt erst neu aufgebaut oder aber zum Zweck der Steigerung der Produktivität gefördert werden sollten. Dabei wurde der Primat der Produktivitätsmaximierung insbesondere in der Anfangsphase auch durch konsequente geografische Konzentration der Investitionen durchgesetzt, was bis zur formellen Aufhebung der ursprünglich in der Verfassung vorgesehenen rudimentären Selbstverwaltungsrechte auf regionaler und kommunaler Ebene ging. Der umfangreiche Protektionismus und die detaillierte präskriptive Planung wurden nie im Sinne der Konservierung überholter und aus diesem Grunde nicht wettbewerbsfähiger Produktionsprozesse eingesetzt. Im Gegenteil: Zum einen wurden Vergünstigungen eng an Produktivitätsfortschritte gebunden, zum anderen wurden Unternehmen, die die ihnen gewährten Schutz- und Förderungsmaßnahmen nicht zur Effizienzsteigerung zu nutzen verstanden, umstandslos aus der Förderung herausgenommen.

Nicht nur die Sonderkonditionen bei der Kreditvergabe konnten gestrichen werden, in einzelnen Fällen wurden die Banken direkt angewiesen, die Kreditgewährung einzustellen, so dass die Firmen in Konkurs gingen, oder sie wurden zu Zusammenschlüssen gezwungen (10).Während die Chaebol als Gruppe, an deren Funktionieren der Erfolg der gesamten Strategie hing, alle erdenklichen Vorteile genossen, konnten einzelne Chaebol jederzeit vom Staat diszipliniert werden (vgl. Chang 1993, 149).

Hinter dieser Entwicklungsstrategie steht die Erkenntnis, dass die weitgehend fehlenden Linkages im Fall einer nachholenden Entwicklung für das private Kapital so hohe Risiken beinhalten, dass entwicklungsentscheidende Investitionen ohne strategische staatliche Steuerung unterbleiben würden(11) . Daraus folgt die Notwendigkeit zur Abschirmung und gezielten Förderung. Risikominderung durch staatliche Politik erhält dadurch den Charakter einer Produktionsvoraussetzung bzw. einer Infrastrukturinvestition.

Wenn die Realisierung der Investitions- und Produktionsentscheidungen dem privaten Kapital überlassen wird, dann ist der Erfolg einer solchen Politik allerdings an drei Voraussetzungen gebunden: Erstens muss der Staat stark genug sein, die Durchsetzung seiner überzeugenden Gesamtstrategie gewährleisten zu können; er muss zweitens in seiner Bürokratie die Kompetenz haben, die alles entscheidende Auswahl der geeigneten Industrien und Maßnahmen richtig zu treffen; und er muss der Versuchung widerstehen, den gesamten Wirtschaftsablauf bürokratisch kontrollieren zu wollen. Diese Voraussetzungen waren in Korea erfüllt bzw. wurden entwickelt. Als besonders wirkungsvoll erwies sich dabei die Konzentration der straffen Planung auf wenige strategische Sektoren; die übrigen Bereiche waren dadurch nicht nur schlicht diskriminiert, sie waren auf der anderen Seite auch frei, sich Zuliefer- bzw. Absatzverbindungen selbst zu suchen. Dadurch konnte vermieden werden, dass die diskriminierten Sektoren demotiviert wurden, ein häufiges Beispiel aus sozialistischen Ländern. Sie wurden im Gegenteil durch die ihnen eröffnete Möglichkeit zur Weitergabe des Drucks über den Markt zur Entwicklung immer höherer Produktivität und Senkung der Lohnkosten motiviert.

2.5. Resümee: Stabilität durch Flexibilität

Was im nachhinein als eine logische Entwicklungsstrategie erscheinen mag (so z.B. bei Chang 1993), ist in Wirklichkeit ein in sich extrem widersprüchlicher Prozeß mit vielen großen und kleinen sozialen Eruptionen gewesen.

Die Übergänge von einer Politik der Importsubstitution zu einer solchen der Exportförderung, der Übergang von einer Förderung der Leichtindustrie zu einer solchen der Schwerindustrie und der Übergang von der Finanzierung mit Auslandsanleihen zu einer Politik der gezielten Förderung von Direktinvestition, alle diese Übergänge waren Brüche in der Strategie; sie waren jeweils Reaktionen auf Krisen der vorangegangenen Politik (Heide 1993a), ausgelöst teils durch Veränderungen des weltwirtschaftlichen Kontextes, teils durch innergesellschaftlichen Wandel.

Dass das System und sein Staat diese Erschütterungen überstanden und sich dabei langfristig stabilisiert haben liegt daran, dass die herrschende Elite als Ganzes flexibel reagiert hat: Regime sind gestürzt worden (im Fall des Initiators der Entwicklungsdiktatur Park Chung-Hee wurde auch vor Mord nicht zurückgeschreckt), und immer wieder hat man demokratische Intermezzi zugestanden, wenn es denn unvermeidlich war. Denn mangels einer realen Alternative scheiterten die demokratischen Intermezzi mit ihrer zwangsläufig populistischen Politik letztlich immer an der Obstruktion derer, die die Macht real noch in Händen hielten. So wurde jedesmal der Weg für den nächsten Putsch geebnet.

Es gelang auf diese Weise, alle tiefen politischen Krisen als Krisen der spezifischen Politiken und der für sie Verantwortlichen zu behandeln und damit eine Krise des Entwicklungsmodells insgesamt oder gar des Staates zu vermeiden.

3. Korea als Produktionsstandort

Da es neben den offiziell geförderten Bereichen immer auch einen beträchtlichen Teil marginaler Sektoren gab, die ihre Existenz schlicht den billigen Arbeitskräften verdankten, die sie aus den noch nicht integrierten Schichten der Slums der großen Städte und aus dem ständig weiter fließenden Strom vom Land in die Städte rekrutierten, konnte die systematische sektoral gestaffelte Förderung dazu führen, dass die koreanische Wirtschaft als Ganzes wettbewerbsfähig wurde und blieb.

Die Effizienz des südkoreanischen Produktionssystems gründet sich auf eine ausgeklügelte Hierarchie von Zulieferbetrieben erster, zweiter und dritter Ordnung an den zentralen, modernen Sektor, die nach japanischem Vorbild durch ein von außen kaum durchschaubares Netz von Verträgen und Unterverträgen miteinander verbunden sind. Wesentlich für das Funktionieren ist die Weitergabe des Konkurrenzdrucks bis hinunter zu den ArbeiterInnen der marginalen Bereiche. Das schlägt sich statistisch in einer deutlichen Zunahme der durchschnittlichen Lohndifferenzen zwischen großen und kleinen Betrieben von über 30 % nieder (Heide 1993)(12) .

Das starke Wirtschaftswachstum der letzten beiden Jahrzehnte hat trotz großer Rationalisierungsanstrengungen zu einer ständigen Zunahme der Beschäftigung in der Industrie und im Dienstleistungsbereich geführt.

In der Agrarpolitik hat die Regierung seit dem zweiten Fünfjahresplan (1967-1971) eine Gratwanderung versucht zwischen einer Politik der niedrigen Verbraucher- und Erzeugerpreise, verbunden mit einer dosierten Politik der systematischen Freisetzung von Arbeitskräften für die Realisierung der Industrialisierungspläne einerseits und - besonders in den siebziger Jahren, als die soziale Basis der Regierungspartei zusammenzuschmelzen drohte - in einer Politik der Gewinnung der Bauern durch Verbesserung ihres Lebensstandards und einer Modernisierung der Landwirtschaft(13) . Heute leben nur noch etwa 10 % der südkoreanischen Bevölkerung von der Landwirtschaft. Selbst wenn sich diese Zahl auf Grund der in der Uruguay-Runde eingegangenen Verpflichtung zur vollständigen Liberalisierung des Agrarmarktes langfristig noch auf ein Drittel reduzieren dürfte, so ergibt das in absoluten Zahlen keine großen Abwanderungsbewegungen mehr. Und die Struktur der Abwanderung hat sich strukturell gänzlich verändert. Es wandern nicht mehr überwiegend "ungelernte" und damit billige ArbeiterInnen ab, sondern die Angehörigen der jungen Generation sind durch den Besuch weiterführender Schulen und Hochschulen oft höher und hochqualifiziert. Das trifft bisher noch überwiegend auf die jungen Männer zu, zunehmend jedoch auf junge Frauen.

Die Mehrzahl der im Ausland arbeitenden KoreanerInnen(14) ist inzwischen zurückgekehrt. Seit den siebziger Jahren ist dazu die Geburtenrate rückläufig, und die geburtenschwächeren Jahrgänge sind für den Arbeitsmarkt zunehmend relevant geworden. So lag bei langfristig gesehen hoher Exportkonjunktur die offizielle Arbeitslosenquote seit Ende der achtziger Jahre ständig unter 2,5 %. Das Verhältnis der Zahl der offenen Stellen zu derjenigen der Arbeitssuchenden beträgt Anfang 1995 etwa drei zu eins(15) .

Die nach der Machtergreifung des Generals Chun Doo-Hwan Anfang der achtziger Jahre noch einmal gelungene gewaltsame Unterdrückung der Artikulation der materiellen und emanzipatorischen Forderungen der Arbeiter konnte nach dem Aufschwung der demokratischen Gewerkschaftsbewegung seit 1987 nicht mehr verhindert werden, so dass die Löhne der Industriearbeiter sich seitdem im Durchschnitt jährlich um nominal 15 % erhöht und damit insgesamt fast vervierfacht haben.

Tabelle 2: Industriearbeiterlöhne 1985 - 1996 (umgerechnet in DM):

Die schon erwähnten hohen Lohndifferenzen haben zusammen mit einer traditionell ohnehin hohen Bildungsbereitschaft, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre durch eine bewußte Politik des Ausbaus der Ausbildungsinfrastruktur sowie propagandistisch unterstützt wurde, insbesondere im Laufe der letzten zehn Jahre zu einer dramatischen Abwanderung von Arbeitskräften aus den schlechtestbezahlten sogenannten "3D-Bereichen" ("durty, difficult, dangerous") in besser bezahlte Sektoren mit erträglicheren Arbeitsbedingungen geführt.

Da die meisten Betriebe der marginalen 3D-Sektoren ihre Existenzmöglichkeit gerade dem Vorhandensein eines ständig nachgefüllten Reservoirs billiger Arbeitskräfte verdanken, folgt aus der eben skizzierten Entwicklung die Notwendigkeit zur Restrukturierung. Für den einzelnen Betrieb bedeutet das in der Regel, dass er schließen muss. Was die koreanische Industriestruktur als Ganzes angeht, so drückt das ein weiteres "Upgrading" aus. In Begriffen der Standorttheorie wiederum bedeutet es eine Auslagerung minderbewerteter Produktionsprozesse ins Ausland. Die Arbeit in bestimmten Produktionsprozessen wird damit nicht mehr von hochbezahlten koreanischen, sondern von billigeren ausländischen Arbeitskräften geleistet.

Tatsächlich haben die Direktinvestitionen südkoreanischer Firmen im Ausland seit Mitte der achtziger Jahre stark zugenommen, wobei für eine Auslagerung außer dem Arbeitskostenargument auch das Markterschließungsargument berücksichtigt werden muss. Letzteres muss für Direktinvestitionen in Nordamerika, Mittel- und Südamerika sowie Europa als entscheidend angesehen werden. Aus der folgenden Tabelle ist ersichtlich, dass fast genau zwei Drittel aller Investitionsprojekte auf Asien entfallen. Die hohe Zahl der Projekte und die relativ geringe je Projekt investierte Summe sind ein Indiz für arbeitsintensive Produktionsprozesse.

Tabelle 3: Südkoreanische Direktinvestitionen nach Regionen

(Restsumme am 30.6.94 in Millionen US$)

Nun haben die hier angesprochenen Bereiche der "3D-Sektoren" ein deutliches Übergewicht von kleinen und mittleren Unternehmen. Da diese in der Regel weder über genügend Kapital verfügen, noch über das know how und die nötige Logistik, scheidet aus der Sicht der unmittelbar betroffenen Einzelkapitale die Lösung der Auslandsverlagerung meist aus. Die einzige Lösung kann dann darin bestehen, die für die Fortführung der Produktion erforderlichen ausländischen Arbeiter nicht in deren Heimatland zu beschäftigen, sondern nach Korea hereinzuholen(16) .

Beide Strategien sind in den Jahren nach 1987 angewandt worden.

4. Ausländische ArbeiterInnen in Korea

Die Beschäftigung von AusländerInnen war bislang in Korea grundsätzlich nicht vorgesehen. Fast selbstverständliche Ausnahmen (abgesehen von der Anwesenheit von 40.000 US-amerikanischen Militärs) bilden Wissenschaftler (Studium und Forschung), leitende Angestellte, Firmenvertreter usw. sowie Spezialisten, für die es im Lande selbst keine Alternative gibt.

Darüber hinaus gibt es inzwischen legal Ausländer mit dem Status von Praktikanten bzw. Auszubildenden. Diese „Trainees“ erhalten eine ein- oder zweijährige Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die grundsätzlich nicht verlängert wird. Die Zahl der ausländischen Praktikanten betrug Anfang 1997 etwa 70.000.

Aufgrund ihres speziellen Status gelten diese legal Arbeitenden arbeitsrechtlich nicht als Arbeitnehmer und haben damit keinerlei Ansprüche aus Tarifverträgen. Tatsächlich wird die Mehrzahl von ihnen jedoch überhaupt nicht ausgebildet, sondern arbeitet bei gleicher Arbeit für weniger als die Hälfte des Lohns ihrer koreanischen Kollegen (Park, Y., 1994, S. 171). Zudem sind Arbeitszeiten von täglich 12-14 Stunden ohne Überstundenbezahlung keine Seltenheit (Newman 1995, 37). Die Unterbringung erfolgt meist in Lagern auf dem Firmengelände mit streng kontrolliertem Ausgang oder in Notunterkünften.

Unter den ausländischen Praktikanten gibt es darüberhinaus eine eindeutige Hierarchie, die sich in Arbeitsbedingungen und sogar in der Lohnhöhe ausdrückt. So differieren die Entgelte für Praktikanten je nach nationaler Herkunft um bis zu 30%.

Diese Unterschiede werden meist einleuchtend mit Verständigungsproblemen, aber auch mit unterschiedlichem Arbeitsfleiß begründet(17) . Der hier sichtbar werdende Aspekt kann als das Hereinholen der Weltmarkthierarchie auf den inländischen Arbeitsmarkt verstanden werden. Er ist seinem Wesen nach rassistisch und erweist sich objektiv als ein Instrument einer feineren Dosierung der Spaltung (18) .

Eine vom Verdienst her besonders diskriminierte Kategorie von Praktikanten sind diejenigen, die von im Ausland tätigen koreanischen Konzernen in ihren Heimatländern mit dem Versprechen angeworben werden, nach einem Ausbildungsjahr in Korea eine bessere Verdienstmöglichkeit in ihrem Heimatland zu bekommen. Ihre Zahl betrug Anfang 1997 ca. 20000. Sie erhalten während des Jahres in Korea nur umgerechnet 90 - 100 US$ im Monat.

Viele dieser "Praktikanten" reisen nach Beendigung ihres Ausbildungsverhältnisses nicht aus oder verlassen schon während dieses Jahres ihre Praktikantenstelle, um auf dem illegalen Arbeitsmarkt je nach Knappheit mehr oft als das Doppelte (nämlich zwischen 500 und 800 US$) zu verdienen, und gehen somit in die Illegalität(19) . Das verschlechtert jedoch nochmals ihre soziale Situation, da sie überhaupt nicht mehr versichert und auf das Wohlwollen ihrer Arbeitgeber angewiesen sind, da ihnen bei Entdeckung die sofortige Ausweisung droht. Dass nach dem Opportunitätsprinzip Ausweisungen nur in Ausnahmefällen vollstreckt werden, bedeutet für die einzelnen Betroffenen keine Entschärfung ihrer Situation, da für sie ja keinerlei Rechtssicherheit besteht. Der größte Teil der illegalen Ausländer ist jedoch mit einem Touristenvisum eingereist und dann untergetaucht.

Die Zahl der illegalen Ausländer wird Anfang 1997 auf bis zu 130.000 geschätzt. Die wichtigsten Herkunftsländer der ausländischen Arbeitskräfte sind(20) China (mit einem Anteil von schätzungsweise über 40 %, die Philippinen (ca. 16 %) und Bangladesch (ca. 12 %). Es folgen Nepal, Pakistan, Thailand, Myanmar, Iran, Sri Lanka, Indien u.a.

Durch die Beschäftigung von ausländischen Arbeitern wird die herkömmliche krasse Stratifikation insbesondere der untersten Segmente des Arbeitsmarkts sukzessive zu einer ethnischen Stratifikation.

Aus der Sicht der einzelnen Unternehmen wird die Beschäftigung ausländischer ArbeiterInnen immer dann sinnvoll, wenn es kostengünstiger und organisatorisch einfacher ist, Ausländer hereinzuholen, als nichtbeschäftigte Inländer zu mobilisieren(21) . Der organisatorische Aspekt scheint dabei eine besondere Bedeutung zu haben: Der größte Teil der Ausländer wird über Schlepperorganisationen, sogenannte Vermittlungsfirmen, mobilisiert, über die in vielen Fällen auch die Lohnauszahlung erfolgt(22) . Da sich die Arbeiter hoch verschulden mussten, um die Vermittlungsgebühren und Reisekosten aufzubringen, stehen sie noch mehr unter Anpassungsdruck(23) .

Politisch ist das Hereinholen von ausländischen ArbeiterInnen nicht ohne Probleme. Ein wesentlicher Gesichtspunkt dabei ist, dass die Ausländer nur solange die ihnen zugedachte Funktion erfüllen, wie sie tatsächlich deutlich niedrigere Löhne erhalten und sich mit deutlich schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen zufrieden geben, als ihre koreanischen Kollegen. Das ist am Anfang eines solchen Arbeitsverhältnisses fast immer der Fall. Die Menschen kommen aus extrem armen Verhältnissen; aufgrund der Wechselkursrelationen und der Lebensverhältnisse in ihren Heimatländern

Tabelle 4: Industriearbeiterlöhne in einigen ausgewählten

asiatischen Ländern (US$)

sind sie in der Lage, trotz niedriger Löhne einen Teil zu sparen und an ihre Familien zu überweisen, für die die geringen Beträge oft als Reichtümer erscheinen. Bleiben die Ausländer länger, werden die zu befriedigenden materiellen Bedürfnisse größer und der Druck auf die Löhne würde steigen etc. (vgl. Heide 1993b). Eine grundlegende Legalisierung und damit mögliche Integration würde in der Konsequenz langfristig auch eine Familienzusammenführung bedeuten. Eine langfristige Aufrechterhaltung der Diskriminierung dagegen würde eine Apartheidspolitik notwendig machen: Die Ausländer müßten als solche identifizierbar bleiben. Abgesehen von dem Wirken der "Alltagsausgrenzung", die sich festmacht an Aussehen, Sprache, Verhaltensweisen usw., wie sie im Kontext fast aller bekannten Gesellschaften vorkommen, wäre das an den juristischen Status gebunden, der wesentlich mit dem der Staatsangehörigkeit korreliert.

Die Haltung der Regierung und anderer offizieller Stellen und Verbände zur Ausländerfrage ist ambivalent, was sich in teilweise gegensätzlichen Stellungnahmen verschiedener Ministerien ausdrückt. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist das unterschiedliche Interesse an der Aufrechterhaltung des Prinzips der vorübergehenden Beschäftigung(24) . Einerseits scheint überhaupt nur das Festhalten an der Diskriminierung die Vorteile der Beschäftigung von Ausländern zu ermöglichen, andererseits wird befürchtet, dass eine zunehmende Beschäftigung von Ausländern ansonsten nötig werdende Auslagerungen verhindern und damit das für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit notwendige weitere Upgrading der koreanischen Wirtschaftsstruktur eher bremsen könnte.

Die ambivalente Haltung der Regierung drückt sich konkret darin aus, dass entdeckte Illegale zum Beispiel in der Regel nicht ausgewiesen werden, wenn ein inländisches Unternehmen nachweist, dass sie als Arbeitskraft unverzichtbar sind; dass sie aber ein Bußgeld in Höhe von umgerechnet 200 DM zahlen müssen (nicht das Unternehmen!)(25) .

Die ersten Reaktionen der koreanischen Gewerkschaften und der Öffentlichkeit reichten von Konzeptionslosigkeit bis zur Abwehr mit rassistischen Argumenten. Die offizielle Linie der demokratischen Gewerkschaften versuchte, auf der Grundlage der "Menschlichkeit" für die schon Eingewanderten ein Bleiberecht und "menschliche Behandlung", verbunden mit einem Zuwanderungsstopp zu reklamieren.

Im Zusammenhang mit ersten öffentlichen Demonstrationen und Sitzstreiks von Ausländern, die zu Reaktionen in den Medien geführt haben, ist eine Solidarisierung linker, kirchlicher, buddhistischer Gruppen auch von Teilen der demokratischen Gewerkschaftsbewegung inganggekommen.

In den demokratischen Gewerkschaften beginnt sich die Meinung durchzusetzen, dass der Kampf für Arbeiterrechte mit den ausländischen ArbeiterInnen gemeinsam geführt werden muss. Es wurde ein „Joint Committee for Migrant Workers“ ins Leben gerufen, das auf der Grundlage der Solidarität eine wichtige Funktion hat. Aber die Haltung ist insbesondere an der Basis noch immer ambivalent(26) .

In Seoul bietet der Anwaltsverein eine spezielle Rechtsberatung für ausländische Arbeiter an, und es gibt inzwischen viele Initiativen, an die sich Betroffene telefonisch wenden können. Nachdem zunächst in Seongnam das erste "Haus für ausländische ArbeiterInnen" mit kirchlicher Unterstützung eingerichtet wurde, sind in der Region um Seoul inzwischen viele derartige Einrichtungen entstanden, von denen viele sich ausdrücklich als Teil der Arbeiterbewegung definieren. In der demokratischen Öffentlichkeit hat sich der Druck inzwischen so verstärkt, dass der Verband der kleinen und mittleren Unternehmen, in dessen Zuständigkeit seit 1994 die Durchführung des Praktikantenprogramms liegt, offiziell eine Liste mit konkreten Maßnahmevorschlägen zur Verbesserung der Stellung der ausländischen Praktikanten vorgelegt hat.

Tatsächlich ist festzustellen, dass die Immigranten erst ernstgenommen werden, seit sie Anfang 1995 erstmals als organisierte Gruppe mit einer Demonstration an die Öffentlichkeit getreten sind, d.h. dass sie zum Subjekt geworden sind. Am stärksten organisiert sind nach wie vor die illegalen ArbeiterInnen aus Nepal, die schon die erste Demonstration in der Myeongdong-Kathedrale durchgeführt hatten. Sie sind unter den vielen ethnischen bzw. nationalen Gruppen bisher die einzige, die sich landesweit organisiert hat und offensichtlich fast alle Betroffenen erfasst. Unter den ArbeiterInnen aus Nepal gibt es sogar einen Solidaritätsfonds, der der Unterstützung von Landsleuten dient, die von Arbeitsunfällen betroffen sind. Die übrigen Nationalitäten sind meist nur lokal organisiert, überwiegend informell, was in der Regel kaum über rein private Kontakte hinausgeht. Unter den China-Koreanern hat es Versuche zum Aufbau von politischen Zusammenhängen gegeben, die aber sofort von der Polizei zerschlagen wurden; die Aktiven wurden umstandslos ausgewiesen.

5. Korea - eine moderne Gesellschaft?

Vielen erscheint das Modell Korea als ein Beispiel dafür, wie gegen ursprünglich breiten Widerstand in einer agrarischen Gesellschaft die große Mehrheit der Bevölkerung innerhalb eines Zeitraums von nur gut drei Jahrzehnten in eine "moderne", auf die Macht des Geldes gegründete Gesellschaft integriert werden kann. Das ist wie oben ausgeführt im Wesentlichen erklärbar durch den "starken Staat", der in geringem Maße Rücksicht auf eine gesellschaftliche Opposition nehmen zu nehmen gezwungen war. Viele Anzeichen deuten jedoch darauf hin, dass es falsch sein könnte, von einer „modernen“ Gesellschaft zu sprechen. Gerade die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Jahreswende 1996/97 legen die Einschätzung nahe, dass es bei der vom Staat-Chaebol-Komplex eingeleiteten neuen politischen Phase um den Versuch geht, der „Modernisierungs“-Strategie der Arbeiterbewegung eine flexible Strategie aus dem Festhalten an Resten gewissermaßen „vormoderner“ politischer und rechtlicher Verhältnisse und einem Sprung in die „Postmoderne“ zu finden (Hwang, Ki-Don 1997).

5.1. Soziale Unterentwicklung

Da es jahrzehntelang keine für soziale Rechte kämpfende Arbeiterbewegung gegeben hatte, ist die Kehrseite des koreanischen Entwicklungsmodells die krasse Unterentwicklung des gesamten Sozialbereichs.

Im Jahre 1990 lebten nach Angaben des Korean Economic Planning Board 7,7 % der südkoreanischen Bevölkerung, das sind 3,3 Millionen Menschen, nach offiziellen Kriterien in "absoluter Armut", d.h. von weniger als 67 US$ im Monat (Palley 1992, 791). Besonders betroffen vom Fehlen eines sozialen Netzes sind jegliche "Randgruppen", Behinderte und ältere Menschen. In offiziellen Begründungen für die geringen Anstrengungen zur Absicherung im Alter stößt man neben der Klage über Mangel an finanziellen Ressourcen des Staates (27) immer wieder auf die mit konfuzianistischen Ideologieelementen untermauerte Befürchtung, der Zusammenhalt der Familie würde dadurch gefährdet (vgl. Palley 1992, 796). Offensichtlich ist das traditionelle Familienmodell der alten Agrargesellschaft aber gerade im Zuge der schnellen Industrialisierung und Durchkapitalisierung der Gesellschaft bereits weitgehend aufgelöst und tatsächlich funktionsunfähig geworden(28) . Gerade das ist der Grund für die große Not unter Alten und Behinderten.

Zwar sind in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen worden, den Wohnungsmarkt den Erfordernissen anzupassen, indem sowohl der Wohnungsbau forciert, als auch die Bodenspekulation bekämpft worden ist, die Mieten sind trotzdem explosionsartig gestiegen, und der Wohnungsmarkt hat ein System hervorgebracht, das Nichteigentümer von Wohnungen extrem benachteiligt.

Die Zahl und die Schwere der Arbeitsunfälle ist im internationalen Vergleich immer noch extrem hoch(29) , die Versicherung dagegen ungenügend.

Im Zusammenhang mit der erzwungenen Liberalisierung des Agrarmarkts infolge der Uruguay-Runde ist mit dem einzigen der Weltmarktkonkurrenz nicht gewachsenen Sektor das Schicksal der verbliebenen Bauern zum nationalen Thema geworden. Ihr Anteil ist aber mittlerweile so dezimiert, dass sie für die soziale und politische Stabilität keine ernstzunehmende Gefahr mehr darstellen.

5.2. Schwierigkeiten mit der Zivilgesellschaft

In den wenigen Jahren der ersten stabilen zivilen Ära unter Kim Young-Sam sind die Gefängnisse erneut gefüllt mit Dissidenten, mit Menschen, die versucht haben, elementare gewerkschaftliche Rechte wahrzunehmen, und mit radikalen Intellektuellen und Dichtern wie Park No-He. Und die Verhaftung hunderter von linken Studenten im Jahre 1994, denen man vorwarf, sie wollten den Tod des nordkoreanischen Führers Kim Il-Sung begehen, zeigt, wie weit die südkoreanische Gesellschaft noch von einer tiefgreifenden Demokratisierung entfernt ist.

Eine sprunghafte Zunahme der organisierten Gewaltkriminalität in den letzten Jahren, die sich zum Teil explizit auf eine gegen "die Reichen", "die Korrupten" und die "Arroganz der Mächtigen" gerichtete Moral stützt, signalisiert noch ein bedeutendes Integrationsdefizit(30) . Das ausschließliche Setzen auf den Segen des Geldes befriedigt offenbar insbesondere dort nicht, wo das Geld für große Teile der Gesellschaft noch lange nicht ausreicht und die immensen sozialen Probleme noch ungelöst sind (vgl. auch Palley 1992, 791). Der krasse Gegensatz zwischen zur Schau gestelltem Reichtum, Korruption, Arroganz der Macht auf der einen und der Aussichtslosigkeit für viele, durch Arbeit das überall durch exzessive Werbung versprochene Ziel des Wohlstands zu erreichen, auf der anderen Seite bildet den Untergrund für individuelle und kollektive Ausbrüche von Hass.

Und es gibt heute weniger denn je eine grundsätzliche gesellschaftspolitische Alternative zum gegenwärtigen erbarmungslosen Kampf um die guten Plätze in der Gesellschaft, der eine Folge des Konkurrenzkampfs auf dem Weltmarkt ist.

Hintergrund für den aktuellen Angriff gegen die sozialen Errungenschaften seit 1987 ist das angesichts der fortschreitenden Logik der Globalisierung endgültig in die Krise geratene „Modell Korea“. Was statistisch als „abgeschwächte Produktivitätsentwicklung“ erscheint, signalisiert, dass die gigantische Mobilisierung aller menschlichen und „Umwelt-“Resourcen für den wirtschaftlichen Durchbruch mit dem immer wiederholten Appell zur Selbstaufopferung für ein später angeblich gutes Leben an ihre Grenzen stößt. Nun zeigt sich auch, dass die jahrzehntelang aufgepäppelten Chaebol alles andere als effizient arbeiten. Im Schutz der staatlichen Regulierung zu ihren Gunsten haben sie von Steuervorteilen, Zinsvorteilen, der Abschottung vor Konkurrenz und von niedrigen Löhnen profitiert. Unabhängig von der eigenen internen Leistungsfähigkeit sind kraft staatlicher Autorität Milliarden und aber Milliarden zugunsten der großen Konzerne umverteilt worden. Was in der Phase des industriellen Aufbaus aus Sicht des Kapitals eine höchst effiziente Politik war, erweist sich in der Phase der „Normalisierung“ als schwer rückgängig zu machen.

Die Aufdeckung des Hanbo-Skandals gerade in der Phase schärfster gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist kein Zufall. Dass ein schon in den Jahren unter Präsident Roh Tae-Woo in mehrere große Finanzskandale verwickelter Firmenboss wie Chung Tai-Soo von Hanbo an allen staatlichen und Bankenkontrollen vorbei umgerechnet 10 Milliarden DM an Krediten auftreiben konnte (bei einer Eigenkapitalbasis von etwa 7% dieser Summe!), zeigt die Verstrickung des Staatsapparats und der Parteien bis in die höchsten Spitzen (der älteste Sohn des Präsidenten gilt als Schlüsselfigur für die Hanbo-Kredite) in diesem Skandal. Innerhalb der Verwertungslogik des Kapitals erscheint bei der Suche nach Auswegen aus der Krise des Staat-Chaebol-Komplexes eine Senkung der Arbeitskosten das einzig Mögliche.

Die Flexibilisierung beim Einsatz der Arbeitskraft, der Ersatz von Stammarbeitern durch flexible Arbeitskräfte ohne langfristige Arbeitsverträge, die Senkung der Lohnkosten durch Einschränkung der Vergütung der Überstunden usw. sind freilich nur die eine Seite des Problems, sozusagen die „passive Sanierung“. Was auf der Aktivseite fehlt, ist, wie schon erwähnt, die Entwicklung der Produktivität. Da operierten Regierung und „Wirtschaft“ während des Streiks mit einer Doppelstrategie: Zum einen mit der Verteufelung der „radikalen“ Gewerkschaftsführer als „unverantwortliche Elemente“, mit dem Aufzählen der streiktäglich verlorengehenden Milliarden und damit dem Appell an das immer noch tiefsitzende schlechte Gewissen, das den Menschen von früher Kindheit an anerzogen wurde; zum anderen mit Versprechungen über Sozialpartnerschaft und Konzertierte Aktion und über die Größe des bei Wohlverhalten der Gewerkschaften zu verteilenden Kuchens.

Diese Doppelstrategie zielt langfristig auf eine verstärkte Verinnerlichung des Kapitals, d. h. seiner weltweiten Verwertungslogik, durch die arbeitenden Menschen, und sie wird abgesichert durch die neuen Arbeitsgesetze und letzten Endes das Nationale Sicherheitsgesetz.

Wie die Vergangenheit Südkoreas gezeigt hat, können selbst Terrorregime gestürzt werden. Diesmal würde aber auch der Sturz des Präsidenten und seiner Partei nichts wesentliches ändern. Denn hinter dem Präsidenten und hinter dem Militär und letztlich hinter „den“ oft bemühten Amerikanern steht heute der sich globalisierende Weltmarkt. Und dieser ist in den letzten Jahren zum „Totschlags-“Argument gegen konsequente Kritiker entwickelt worden.

Die Botschaft lautet:

„Ihr habt nur eine Chance, wenn ihr Euch anpasst an die Anforderung des Weltmarkts, wenn Ihr Euch unterwerft unter das Kapital und wenn Ihr auf dieser Basis in der mörderischen Konkurrenz der Standorte Euch einen der wenigen Plätze an der Sonne erkämpft“.

Der Sturm, der nach dem 26. Dezember in Korea losgebrochen ist, hat gezeigt, dass die Menschen diese Botschaft so umstandslos für sich noch nicht akzeptiert haben. Die weitere Entwicklung ist allerdings äußerst unsicher.

Zwar gab sich die Gewerkschaftsführung sehr entschlossen, dass der Kampf für die Modernisierung weitergehen würde; aber die Basis ist sehr schnell wieder abgebröckelt. Während die parlamentarische Einigung nach dem Einlenken des Präsidenten noch ausstand, waren die Arbeiter und Angestellten in vielen Betrieben bereits fieberhaft bemüht, in Sonderschichten, an Samstagen und sogar Sonntagen ohne Überstunden- und Feiertagsvergütung die ausgefallenen Arbeitsstunden wieder aufzuholen. Und leitende Angestellte gaben spektakuläre Selbstverpflichtungen ab, mit gutem Beispiel voranzugehen und bis zu 10% ihres Gehalts ihrem Unternehmen zur Überbrückung der Streikausfälle zur Verfügung zu stellen.

Dieses Problem ist nicht neu. Die koreanische Politik - und auch die Gewerkschaftspolitik - ist immer noch weitgehend „Honoratioren“ vorbehalten. Was die Gewerkschaften angeht, so werden Menschen mit klaren Konzepten und radikalen Programmen oft in die Leitungsfunktion gewählt. Nur stehen sie dort mit ihrem Programm oft allein, weil sich die Basis dem Diktat des Markts, d. h. der Kapitalrationalität unterwirft. Andererseits zeigt sich die Führung der Gewerkschaften oft unentschlossen und verhält sich dann faktisch im Sinne der Kapitalrationalität, weil sie sich subjektiv von der Basis alleingelassen fühlt; so z.B. auch bei dem Entschluss, den Generalstreik Anfang 1997 auszusetzen und vor weiteren Aktionen die Verhandlungen auf der parlamentarischen Ebene abzuwarten.

Auch nach dem im Parlament beschlossenen Kompromiss, der durch die Legalisierung des Demokratischen Gewerkschaftsverbandes den Forderungen der Gewerkschaften (und der OECD!) nach Modernisierung nun doch entgegenkommt, und gleichzeitig der von der Kapitalseite propagierten Notwendigkeit von Flexibilisierung Rechnung trägt, gibt es zu dem Ausstieg aus der Kapitalrationalität keine Alternative, in Korea nicht und nicht in Deutschland und an keinem anderen „Standort“. Die bisher eher rationale Einsicht, dass die Globalisierung unter den arbeitenden Menschen auf Dauer keine Gewinner, sondern nur Verlierer hervorbringen wird, wird die Herzen der Menschen erfassen müssen, damit globale Solidarität als Antwort auf die Globalisierung des Kapitals möglich wird.Social Implications of South Korea's Successful Integration into the World Market

- Summary -

The social conflict, which became visible after the South Korean government’s attempt to aggravate the Korean labor laws at the end of 1996, is a suitable occasion to reexamine the social implications of the South Korean „Model“ of integration into the world market.

My main argument is, that the decisive precondition for this apparently successful policy was the forced development of the exploitability of human vitality. The severe collective traumas of 1945 (when the long-desired liberation soon proved to be a new dependence) and 1950-53 (with the destruction of whatever hope for an alternative model of development) had resulted in a state of mind, which perhaps can be characterized as a sort of ideological vacuum. This was taken by the developmental dictatorship of Park Chung-Hee as the starting point for a systematic reeducation in the form of an implantation of a new compition- and performance-oriented ideology, conducive to capitalist development. This being the background, I try to outline the main political-economic principles of South Korean politics of development.

The "Korean Model" of development has now come to a limit, which capital tries to pass. The measures taken towards liberalization in consequence of the GATT negotiations and those for creating the preconditions for the country's OECD membership have opened the Korean society for an unsheltered globalization. The reaction of society seems so far extremely contradictory. The actual struggle is mainly between the state-chaebol-complex trying to „jump“ from a pre-fordist model of accumulation to post-fordism on the one hand, and the labor movement insisting on their claim for a modernization of industrial relations which implies just some sort of fordist model.

Endnoten:

(1) Der ursprüngliche Text erscheint demnächst in Kappel (1997)

(2) Die neueste Entwicklung zeigt weiter dieses bewährte Muster.

(3) So auch Leftwich in seinem Versuch einer theoretischen Generalisierung des Konzepts "Developmental State" (Leftwich 1995). Lee, Eun-Jeung spricht von einem „dynamisch-autoritären“ Typ von Herrschern (Lee, E.J., 1993, S. 79).

(4) Vgl. dazu die inzwischen "klassische" Darstellung von Cumings (1986).

(5) Das Eigentum an Grund und Boden wurde auf 3 ha begrenzt. Hierauf beruht der ungewöhnlich egalitäre "Gini-Index", der seit Jahrzehnten durch die Korea-Literatur geistert und immer wieder als Mitursache der günstigen Ausgangssituation Südkoreas bemüht wird. Vgl. z.B. die Arbeiten von Mentzel und Senghaas (Mentzel/Senghaas 1986).

(6) Daß eine derartige Mischung gelingen konnte, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. So genießt der Militarismus in der traditionellen konfuzianischen Lehre ein ausgesprochen schlechtes Ansehen, und entgegen der breiten Volksmeinung mußte versucht werden, eine Art südkoreanischen Separat-"Nationalismus" zu schaffen. Vgl. dazu die inzwischen breite Literatur , zur ideologischen Basis des Regimes von Park insbesondere Lee, E.J. 1995..

(7) Heide 1993a. Zur Einseitigkeit vieler westlicher Interpretationen des Konfuzianismus im Zusammenhang mit dem ostasiatischen Führungsstil siehe neuerdings Kang 1995, S. 296 ff.; allgemein: Lee, E.J. 1993.

(8) Auf dieser ideologischen Umerziehung konnte die breite Ausbildungsoffensive aufbauen.

(9) Die strategischen Kredite machten in der Zeit zwischen 1962 und 1985 fast 60 % aller Bankkredite aus (Chang 1993, 141).

(10) Das spektakulärste Beispiel ist der Zusammenbruch des Guk-je Konzerns 1985.

(11) vgl. Moore 1987.

(12) Eine weitere systematische Lohndifferenzierung ist nach wie vor diejenige zwischen Männern und Frauen: im statistischen Durchschnitt erreichen die Frauen immer noch nur gut 50 % der Männerlöhne. Im übrigen deckt sich diese Differenzierung nicht unbeträchtlich mit der zuvor genannten nach Branchen und der Stellung des Betriebs im Produktionszyklus.

(13) Während zwischen 1977 und 1980, in der Zeit der Saemaul Undong („Neue Dorf Bewegung“ ist die offizielle Bezeichnung für die großangelegte Modernisierungskampagne in der Landwirtschaft) mit 1,5 Millionen ArbeiterInnen vergleichsweise wenige aus dem ländlichen Bereich in die Industrie abgewandert sind, schnellte diese Zahl zwischen 1982 und 1984 trotz der in diesen Jahren stagnierenden Industriearbeiterlöhne auf 2,4 Millionen hoch, eine direkte Folge der sich katstrophal verschlechternden Einkommensverhältnisse der Bauern auf Grund einer grundlegenden Liberalisierung des Agarmarkts. Der durchschnittliche Importzollsatz wurde zwischen 19880 und 1989 von 33,2 auf 20,6 % gesenkt, und der Anteil der nicht geschützten Agrarprodukte erhöhte sich zwischen 1983 bis 1990 von 62,1 % auf 82,4 %. (Vgl. auch die Zahlen über die Terms of Trade der Landwirtschaft sowie Relationen zwischen landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen und Industrielöhnen bei Park 1994, S.159).

(14) Der Export von Arbeitskraft war seit den fünfziger Jahren zur Entlastung des inländischen Arbeitsmarkts wie zur Verbesserung der Zahlungsbilanz eingesetzt worden.

(15) Lucky Goldstar Economic Research Institute.

(16) Das erklärt die führende Rolle, die der Verband der kleinen und mittleren Unternehmen bei dem Import von Arbeitskraft spielt.

(17) So kommen aus China sehr viele Menschen koreanischer Abstammung und mit koreanischen Sprachkenntnissen; die philippinischen Praktikanten gelten ebenfalls als besonders fleißig und sprechen im allgemeinen gut englisch.

(18) Heide, 1993b.

(19) Inzwischen wird die Zahl der illegalen Vermittlungsbüros für diesen Sektor des schwarzen Arbeitsmarkts auf über 200 geschätzt.

(20) Nach Angaben des offiziellen koreanischen Gewerkschaftsverbands FKTU.

(21) Die Tatsache, daß viele Herkunftsländer an dem "Export" ihrer Arbeitsräfte interessiert sind, weil sie dadurch einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Zahlungsbilanzdefizite ausgleichen können, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung, beeinflußt gleichwohl die Migrationsströme beträchtlich. Ein weiterer Aspekt ist der brain drain, der mit den Migrationsströmen verbunden ist: Es sind durchweg die Mobilsten und besser Ausgebildeten, die ihr Glück in der Emigration suchen (vgl. dazu Prasai 1993).

(22) In China beispielsweise werden umgerechnet bis zu 8000 DM für die Vermittlung eines Jobs in Südkorea verlangt. Darin sind die Kosten für Fahrt, Pass, Visum usw. sowie eine "Sicherheit" von 4000 DM und Schmiergelder von etwa 1000 DM enthalten. Für diesen Betrag müßte der Betreffende in China etwa zehn Jahre arbeiten.

(23) In der Regel behaltenen die Vermittlungsfirmen 10 % des Praktikantenentgelts ein, wie der Ausländerbeauftragte der Demokratischen Gewerkschaften berichtet.

(24) Das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie bezeichnet das Praktikantenprogramm ausdrücklich als "kurfristige Lösung" des Problems der knappen Arbeitskraft, das Arbeitsministerium möchte die Beschäftigung von Ausländern mit Rücksicht auf die ablehnende Haltung der Gewerkschaften stark einschränken; der Verband der kleinen und mittleren Unternehmen hat an dem Programm umgekehrt nur auszusetzen, daß es bei weitem zu beschränkt sei (vgl. auch Newman 1995, 37).

(25) Die Summe der kassierten Bußgelder betrug 1993 schon insgesamt 20 Millionen DM.

(26) Die Frage des Verfassers, ob ausländische ArbeiterInnen gegebenenfalls als Mitglieder in eine koreanische Gewerkschaft aufgenommen würden, wurde noch 1994 anlässlich eines Besuchs in Deutschland von führenden Vertretern demokratischer Gewerkschaften verblüffenderweise mit dem Argument verneint, daß das rechtlich nicht möglich sei. Seit dem Gründungskongress des neuen Dachverbandes der Demokratischen Gewerkschaften Minju Nochong im Herbst 1995 wurde jedoch ein Umdenken sichtbar.

(27) Das offizielle Rentenalter ist in Korea mit 58 Jahren relativ niedrig, so daß der Anteil der Älteren mit zunehmender Lebenserwartung stark zugenommen hat.

(28) Die Eltern verausgaben sich meist frühzeitig, um den Kindern eine als notwendig erachtete teure Ausbildung zu gewährleisten, und sind dann im Alter oft verschuldet. Dadurch fallen sie ihren Söhnen und Schwiegertöchtern tatsächlich "zur Last", die sich nach alter Tradition um die Eltern kümmern müssen. Das betrifft insbesondere die Schwiegertöchter, deren Berufstätigkeit dann nicht nur durch die Kinder, sondern auch die Alten behindert wird.

(29) Koreanische Unternehmen, die deutsche Maschinen wegen ihrer Qualität im übrigen sehr schätzen, kritisieren diese nur als "oftmals 'overenginered', etwa was deren ... Sicherheitsvorkehrungen angeht" (Nachrichten für den Außenhandel vom 19. 12. 94). Dieses Zitat bezieht sich wohlgemerkt nicht auf marginale Sektoren, sondern auf moderne Fabriken der Chaebol. Besonders unzureichend sind die Arbeitsschutzvorkehrungen für über Fremdfirmen eingesetzte Arbeiter. Mitte Februar dieses Jahres kamen bei einem Brand im Rumpf eines Schiffsneubaus auf der Hanjin-Werft 15 Arbeiter einer Fremdfirma ums Leben, weil die offizielle Werksfeuerwehr nicht eingriff (Bericht der Gewerkschaftszeitung Nodongja Shinmun vom 23.2.95). Auch außerhalb der Werkstore erschüttern immer neue Großunfälle die Öffentlichkeit (vgl. den Bericht der Far Eastern Economic Review vom 11.5.95, S. 16).

(30) Eine für viele Sozialforscher und Sozialpolitiker erschreckende Erkenntnis, die sich auf neueste Untersuchungen stützt, ist daß offenbar eine nicht unbedeutende Minderheit in der Bevölkerung für die neue Gewaltkriminalität "Verständnis

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