0. Vorbemerkung.
Der folgende
Text ist ursprünglich als Manuskript für einen Vortrag auf
der Tagung Weltwirtschaftliche Integration und Armut an
der Universität Bremen im Februar 1995 entstanden (1) . Die
seitdem eingetretenen Veränderungen legten eine Aktualisierung
nahe. Bei dieser Gelegenheit konnten auch ein paar zusätzliche
Aspekte aufgenommen werden, die sich in unsrem sozialökonomischen
Forschungsprojekt ergeben haben. Sie haben im wesentlichen noch den
Charakter von Hypothesen und sind Gegenstand weiterer Forschung.
Insbesondere gehört dazu die vertiefte Auseinandersetzung mit
der realen Bedeutung des Konfuzianismus, des Nationalismus (darunter
der Haltung gegenüber ausländischen ArbeiterInnen) und mit
einigen wesentlich sozialpsychologischen Dimensionen des
südkoreanischen Entwicklungsweges.
1.
Ökonomischer Aufstieg - sozialer Konflikt
Südkorea
gilt immer noch vor allem als Beispiel einer erfolreichen
Weltmarktintegration in kürzester Zeit. Mitte der fünfziger
Jahre noch der agrarisch strukturierte ärmere Teil eines
geteilten Landes, verwüstet durch den auf seinem Territorium
ausgetragenen ersten 'heißen' Krieg zwischen Ost und West, ist
es seit Dezember 1996 das jüngste Mitglied der OECD.
Zeitgleich
mit der endgültigen Aufnahme in diese Organisation der
industrialisierten Länder ist aber ein neues Bild der sozialen
Wirklichkeit Südkoreas ins Bewusstsein der
Weltöffentlichkeit gelangt. Auf die von den Medien verbreiteten
Bilder vom Generalstreik und den schweren Auseinandersetzungen
zwischen Arbeitern und Angestellten und der Polizei auf den
Straßen reagierten die Menschen hier teils bewundernd, teils
erschrocken angesichts der Militanz und der - wie es aussah -
eisernen Disziplin der kämpfenden Massen.
Ein paar
Monate vorher schien alles noch ganz anders, seitenverkehrt
sozusagen: In Korea saßen die Menschen vor den Bildschirmen und
sahen bewundernd und neidvoll auf die scheinbar machtvollen
Großkundgebungen gegen Sozialabbau aus Deutschland.
Seit Jahren
besuchen Gewerkschaftsdelegationen aus Südkorea gerade
Deutschland in der Hoffnung, dem Geheimnis für die doch offenbar
so erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit mit Betriebsräten, mit
Mitbestimmung, vor allem aber einem unfassbar hohen Organisationsgrad
auf die Spur zu kommen und dieses Konzept womöglich im
Fluggepäck mit nach Korea nehmen zu können. Das geschieht
vor dem Hintergrund, dass es in Südkorea kein
Industriegewerkschaftssystem gibt und dass jede Gewerkschaft
gesetzlich in ihrer Organisation und in der Tätigkeit und
Wirksamkeit auf die Betriebsebene beschränkt ist.
Wozu ein
solches Betriebsgewerkschaftssystem führt, ist klar: In den
großen modernen Betrieben mit starken Gewerkschaften ist es in
den letzten Jahren gelungen, enorme Lohnerhöhungen, günstige
Arbeitszeitregelungen, und alle möglichen betrieblichen
Sozialleistungen zu erkämpfen. In den kleineren Betrieben mit
entsprechend schlechteren Bedingungen für Gewerkschaftsarbeit
gibt es für all das kaum eine Chance. Seit dem großen
Aufbruch der demokratischen Gewerkschaftsbewegung nach der Beendigung
der Militärdiktatur 1987 haben so die Lohndifferenzen und die
Differenzen in den Arbeitsbedingungen zwischen verschiedenen
Betriebsgrößenklassen stark zugenommen.
Und nun
scheint also plötzlich alles umgekehrt. In Korea geht der Streik
nicht nur über die Betriebsgrenzen hinaus, es wird ohne viel
Federlesens der politische Generalstreik ausgerufen. Und in
Deutschland haben wir bei der Reaktion auf den Angriff gegen die
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gerade erlebt, wie je nach der
betrieblichen Stärke der Gewerkschaften und je nach der Stellung
des Unternehmens in der Konkurrenz die Lohnfortzahlung mehr oder
weniger stark abgebaut worden oder mit mehr oder weniger großen
Zugeständnissen in anderen Punkten erkauft worden ist. Korea auf
dem Weg zu kampfstarken Industriegewerkschaften und in Deutschland
der Rückzug auf den Betrieb?
Seit 10
Jahren kämpfen die 1987 neu aufgebauten demokratischen
Gewerkschaften nunmehr für die Abschaffung bzw. grundlegende
Revision der verhassten Arbeitsgesetze aus der Zeit der
Militärdiktatur, die jede freie Gewerkschaftsarbeit behindern
oder gar unmöglich machen. Die wichtigsten repressiven
Bestimmungen darin sind:
dass es in
jedem Betrieb nur eine Gewerkschaft geben darf, was bedeutet, dass
die neuen demokratischen Gewerkschaften illegal sind, wenn es vorher
schon eine gelbe Gewerkschaft gab;
dass jede
Einmischung Dritter in einen Arbeitskampf verboten ist,
was bedeutet, dass nicht nur jeder Solidaritätsstreik
illegalisiert, sondern auch jede Tätigkeit von
außerbetrieblichen Gewerkschaftsfunktionären
kriminalisiert ist;
dass
Gewerkschaften der Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes,
insbesondere der LehrerInnen illegal sind;
dass der
gesamte demokratische Gewerkschaftsverband (Minju Nochong
bzw. KCTU) illegal ist.
Von der
Regierung waren - insbesondere unmittelbar vor Wahlen - immer wieder
Entschärfungen des Arbeitsgesetzes in Aussicht gestellt worden.
Statt dessen kam es Ende letzten Jahres zu der Nacht- und Nebelaktion
der Regierung, die schließlich die Kämpfe ausgelöst
hat: Am 26. Dezember trat das Nationalparlament ohne die Opposition
(die war gar nicht eingeladen worden) um 6 Uhr früh zusammen,
verabschiedete in insgesamt 11 Abstimmungen innerhalb von 7 Minuten
eine Verschärfung des Arbeitsgesetzes und gleich noch eine
Verschärfung des berüchtigten Nationalen
Sicherheitsgesetzes, das den Geheimdienst Angibu wieder mit
Vollmachten ausstattet, wie er sie in den finstersten Zeiten der
Militärdiktatur gehabt hatte.
Was das
Arbeitsgesetz angeht, so beschloss das Rumpfparlament unter anderem
eine
Ausweitung der Flexibilität der Wochenarbeitszeit von 44 auf 56
Stunden ohne Überstundenvergütung;
eine
weitgehende Beseitigung des Kündigungsschutzes und damit
Erleichterung von Massenentlassungen;
den
unmittelbaren Einsatz von Streikbrechern im Fall von Arbeitskämpfen;
eine
ausdrückliche Verlängerung des Verbots des demokratischen
Gewerkschaftsverbandes Minju Nochong zunächst bis zum Jahre 2000.
Der Vorstand
von Minju Nochong reagierte 20 Minuten nach Beendigung der
Parlamentssitzung mit dem Aufruf zum Streik.
2. Das
"Modell Korea"
Über das
"Geheimnis" des Modells Korea ist im Laufe der Jahre viel
gerätselt worden. Im Gegensatz zur Interpretation, die eine
ganze Reihe von Jahren von der Weltbank und anderen Interessierten
aufrechterhalten wurde, ist die koreanische Entwicklungsstrategie
weder nach innen noch nach außen je eine marktwirtschaftliche
Strategie gewesen. Das Modell Korea war vielmehr das einer
staatsgeleiteten Strategie der Weltmarktintegration. Neben den
günstigen geo-politischen Rahmenbedingungen war für den
Erfolg vor allem eine nationale Entwicklungsstrategie verantwortlich,
die ich als "Stabilität durch Flexibilität"
bezeichnen will(2) .
Die
Jahrzehnte seit 1960 sind durch einen gegenüber schwachen
gesellschaftlichen Klassenkräften starken Staat gekennzeichnet.
Diese Aussage bedeutet nicht, dass der Staat einfach nur
militärisch stark war - obwohl er sich noch bis Ende der
achtziger Jahre auf das Militär und auf den starken Geheimdienst
stützte -; "stark" war der Staat vor allem im
strategischen Sinne, er war nicht konservativ. Seine Politik war
flexibel, nicht starr (3).
2.1.
Historische Ausgangslage
Die
Schwäche der gesellschaftlichen Klassenkräfte erklärt
sich aus der Ausgangssituation nach der Befreiung Koreas aus
japanischer Kolonialherrschaft. Die Angehörigen der
konservativen Klassen (vor allem die Grundbesitzer) hatten im
allgemeinen mit der japanischen Kolonialmacht kollaboriert und fanden
sich daher politisch im Abseits. Ein starkes Bürgertum hatte
sich unter der japanischen Herrschaft ebenso wenig herausbilden
können wie eine Führungsschicht. Die verarmten Bauern (in
der Regel Pächter oder Landarbeiter) hofften auf eine
Landreform, die ihnen Eigentum an dem von ihnen bearbeiteten Boden
bringen sollte und sahen daher in den Entscheidungen für eine
sofortige Landreform in Nordkorea ein Vorbild. Die Arbeiter waren
zahlenmäßig schwach, und - abgesehen von der
nordöstlichen Bergwerksregion - auf viele kleine und kleinste
Betriebe verstreut. Trotz ihrer deutlich sozialistisch-komunistischen
Orientierung waren die Arbeiterorganisationen daher allein
zahlenmäßig noch schwach.
Am Anfang
stand eine breite, politisch-moralisch starke Volksbewegung, die ihre
Wurzeln im anti-japanischen Widerstand hatte und die Befreiung vom
japanischen Kolonialismus als soziale und nationale Emanzipation
verstand. Sie nutzte das von den Besatzern hinterlassene Machtvakuum
und begann sofort, von unten nach oben einen eigenen koreanischen
Staat aufzubauen mit Volkskomitees in den Dörfern, Städten
und Provinzen und schließlich einer provisorischen
Volksrepublik in der neuen Hauptstadt Seoul.
Die
amerikanischen Truppen waren als Sieger über den japanischen
Imperialismus sehnsüchtig erwartet worden, entpuppten sich dann
aber sofort nach ihrer Landung in Inchon - einige Tage nach Ausrufung
der Volksrepublik - als neue Besatzer. Sie bildeten eine
Militärregierung, die als erstes alle Selbstverwaltungsorgane
und später auch den Nationalen Gewerkschaftsverband und den
Bauernverband auflöste. Das war der Beginn eines langen
Widerstandskampfes bis hin zum organisierten Partisanenkrieg, der
sich von Seiten des schließlich etablierten südkoreanischen
Staates und der amerikanischen Streitkräfte immer mehr in einen
Kampf zur Niederhaltung und schließlich Zerschlagung jeglicher
emanzipatorischer Bewegung entwickelte (4).
Zu den
Versuchen, die Kämpfe zu entschärfen, kann neben der
Nahrungsmittelhilfe aus den USA auch die nach mehreren Anläufen
auf Drängen der amerikanischen Regierung durchgeführte
südkoreanische Landreform von 1950 gelten, die die
Großgrundbesitzer als politische Klasse entmachtete und eine
kleinbäuerliche Klasse schuf, die in einem kapitalistischen
Wirtschaftssystem auf Dauer allerdings nicht überlebensfähig
sein würde (5).
Der
verheerende Korea-Krieg, der den Norden wie den Süden des Landes
in Schutt und Asche legte, war nicht nur der erste heiße Krieg
zwischen Ost und West, er zerstörte nicht nur die restliche oder
gerade aufgebaute materielle Infrastruktur, er zerstörte mit den
Menschen vor allem ideologisch und organisatorisch die Linke und mit
ihr allen Glauben an die Zukunft, an eine Alternative. Die
Zerstörung war bis in die Seele der Menschen gedrungen.
Das ist keine
Basis für irgendeine Form von Entwicklung. Und in der Tat
versackte das Land für das restliche Jahrzehnt in Armut,
Korruption und Misswirtschaft. Die Kerne für eine
Großbourgeoisie waren aus der Übernahme vormals
japanischer Unternehmen durch leitende Manager und aus dem durch den
Verkauf bzw. die Entschädigung von Grundbesitz gebildeten
Kapital entstanden, der Ursprung des Staat-Chaebol-Komplexes.
Das war die
Grundlage, die die Militärs unter Park Chung-Hee vorfanden, als
sie mit ihrem Putsch 1960 eine "Entwicklungsdiktatur"
begründeten. Im Gensatz zu seinem ursprünglichen Programm,
das eine Zerschlagung der parasitären Chaebol vorsah, erkannte
Park schnell, dass er für die Durchsetzung seiner
Entwicklungspläne in den in den Jahren zuvor gewissermaßen
aufgepäppelten neuen Industriellen wichtige Partner
haben konnte. Durch Einbeziehung in die neue dynamische
Entwicklungspolitik wurde aus dem ehemaligen
Bürokratiekapital eine in ihren ökonomischen
Interessen von der Regierung abhängige und sie gleichzeitig
stützende neue herrschende Klasse (vgl. Lee, E.J. 1993, S. 80).
2.2.
Entwicklung der individuellen Produktivität
Konkurrenzfähigkeit
auf dem Weltmarkt ist niemals ausschließlich eine Frage
niedriger Produktionskosten, sprich Löhne, sondern umfaßt
immer den wesentlichen Aspekt der Produktivität. Der Zwang zur
Erhöhung der Produktivität wird gerade über den
kapitalistischen Weltmarkt vermittelt.
Es erscheint
dabei sinnvoll, zwischen einer individuell-betrieblichen
Produktivität und einer gesellschaftlichen Produktivität zu unterscheiden.
Grundlage
jeder Produktivität ist der Gebrauchswert der Arbeitskraft. Sie
setzt sich zusammen aus der Qualifikation im Sinne der
Fähigkeiten und Fertigkeiten einerseits sowie der Bereitschaft,
diese Qualifikation für einen in der Regel fremdbestimmten Zweck einzusetzen.
Angesichts
der ursprünglichen politisch-moralischen Stärke zur
Entwicklung einer eigenständigen Alternative musste insbesondere
die grundlegende Bereitschaft, sich auf das kapitalistische,
zunächst als "fremd" empfundene, System einzulassen,
erst erzeugt werden. Grundsätzliche Voraussetzung dafür
sind die tatsächliche Zerstörung aller realistischen
Alternativen und die Entwicklung und Durchsetzung von geeigneten
Ideologien zur Untemauerung des neuen Systems.
Die
ideologische Offensive wurde entwickelt als eine einzigartige
Mischung aus konfuzianistischen, militaristischen, nationalistischen
und im engeren Sinne kapitalistischen Elementen (6).
Allein die
personelle Schwächung der Linken durch Partisanenkrieg und
Koreakrieg hatte zur Folge, dass Menschen mit zumindest konservativen
Grundhaltungen zu Lehrern der jungen Generation wurden. Gerade durch
den Rückgriff auf konservative Werte wie die Verehrung der
Älteren, des Patrons, der Obrigkeit, der Familie und die
Geringachtung der Frauen, aber auch die Sanktionierung jeglicher
Auflehnung, konnte das entstandene ideologische Vakuum gefüllt
werden (7).
Das nach der
Frustration über die amerikanische Politik, die die nationale
Einheit und die soziale Emanzipation verhindert hatte, in breiten
Teilen des Volkes verbreitete Gefühl des Anti-Amerikanismus
konnte in einem Prozeß der Auslöschung des
Bewußtseins über die eigene Geschichte, der einer
kollektiven Identifikation mit dem Aggressor entspricht, bei den
folgenden Generationen in einen Anti-Kommunismus verwandelt werden
(Hwang Byung-Duck 1989, S. 175) (8). Im Namen des Anti-Komunismus
wurde die gesamte Gesellschaft militarisiert, die an der
Industrialisierung Beteiligten wurden zu "Soldaten der
Produktion". Der Nationalismus versuchte (trotz der
"Normalisierung" der Beziehungen zu Japan schon Mitte der
sechziger Jahre) auf dem in der Bevölkerung fest verankerten
Anti-Japanismus aufzubauen, und er wurde vermischt mit der
Verheißung nationalen (und in der Folge damit) individuellen
Wohlstands (Korea auf dem Weg zur "Number One" in der Welt).
2.3.
Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivität
Eine
bloße Globalsteuerung wurde angesichts der Aufgabe, die gesamte
Industriestruktur schnellstens zu effektiveren, als inadäquat
betrachtet. Eine straffe staatliche Planung mit einer effizienten
Realisierungskontrolle hat nicht nur gegenüber der privaten
Wirtschaft im Schutze einer selektiven Außenwirtschaftspolitik
präzise Branchenziele, sondern sogar Investitions- und
Produktionsziele für einzelne Konzerne durchgesetzt. Der Begriff
der Konkurrenz wurde dabei von Anfang an rein strategisch verstanden,
als Mittel zur Durchsetzung von mehr Effizienz, nie als
eigenständiges Ziel (vgl. Chang 1993, 139f).
Als
wichtigste institutionelle und organisatorische wirtschaftspolitische
Steuerungsmittel wurden eingesetzt:
- Der Aufbau
eines ökonomischen Planungsministeriums nach dem Vorbild des
japanischen MITI; die höchste Entscheidungsgewalt lag aber
anders als beim japanischen Vorbild in Korea beim Präsidenten
selbst (Lee, E.J. 1993, S. 81).
- die Auswahl
der in der jeweiligen Planungsphase zu bevorzugenden Sektoren
("promising strategic industries") sowie der zur
Realisierung der Planungen geeignet erscheinenden Chaebol;
- die
Verstaatlichung des gesamten Kreditapparats;
- die totale
Kontrolle des Außenwirtschafts- und Zahlungsverkehrs;
- die
Implementierung einer Investitionspolitik, die nicht nur mit
Anreizen, sondern mittels Anordnung und Kreditunterstützung,
"strategischen Krediten" und Steuererleichterungen, bis hin
zu drastischen Strafen arbeitete (9).
Die innere
Logik dieser Strategie wird in folgender Übersicht deutlich
(gegenüber liegende Seite).
Dass eine
derartige Kombination aus Verstaatlichung und zentralistischer
Planung effizient sein konnte, hat den neo-liberalen Denkern so wenig
eingeleuchtet, dass sie diese Tatsache eine Zeit lang schlicht
übersehen haben. Insbesondere liegt diesem
Denkschema die Vorstellung zu Grunde, eine Bürokratie könne
schon deshalb nicht so effizient sein wie ein marktwirtschaftliches
System, weil die Unternehmen immer über die fähigsten
Köpfe verfügten. Diese Vorstellung, für
die im Westen der Augenschein spricht, lässt die Tatsache
unberücksichtigt, dass in Ostasien, insbesondere in Korea, der
Staatsdienst traditionell ein so hohes Ansehen genießt, dass es
nicht eines für den Staat unbezahlbaren Wettbewerbs bedarf, um
die fähigsten Strategen abzuwerben.
Tabelle 1:
Übersicht über die Entwicklungsstrategie Südkoreas
anhand der
Fünfjahrespläne
1962 - 1996
2.4.
Resümee: Strategische Planung
Inhaltlich
läßt sich die koreanische Entwicklungsstrategie als
erfolgreicher Versuch eines systematischen Upgrading der
Wirtschaftsstruktur bezeichnen, das sukzessive durch den Ausbau einer
ökonomischen und nach und nach auch sozialen Infrastruktur
abgesichert wurde.
Seit Anfang
der achtziger Jahre tritt eine schrittweise Liberalisierung der
vorher streng kontrollierten Außenwirtschaftsbeziehungen hinzu,
die schließlich nach der Umgestaltung des Staates nach der
Erhebung von 1987 - wenn auch zögernd - auch in eine
Demokratisierung übergeht.
Das
dahinterstehende Konzept war strategisch-dynamisch. Grundlegend war
eine gezielte Auswahl strategisch wichtiger Industrien, die entweder
überhaupt erst neu aufgebaut oder aber zum Zweck der Steigerung
der Produktivität gefördert werden sollten. Dabei wurde der
Primat der Produktivitätsmaximierung insbesondere in der
Anfangsphase auch durch konsequente geografische Konzentration der
Investitionen durchgesetzt, was bis zur formellen Aufhebung der
ursprünglich in der Verfassung vorgesehenen rudimentären
Selbstverwaltungsrechte auf regionaler und kommunaler Ebene ging. Der
umfangreiche Protektionismus und die detaillierte präskriptive
Planung wurden nie im Sinne der Konservierung überholter und aus
diesem Grunde nicht wettbewerbsfähiger Produktionsprozesse
eingesetzt. Im Gegenteil: Zum einen wurden Vergünstigungen eng
an Produktivitätsfortschritte gebunden, zum anderen wurden
Unternehmen, die die ihnen gewährten Schutz- und
Förderungsmaßnahmen nicht zur Effizienzsteigerung zu
nutzen verstanden, umstandslos aus der Förderung herausgenommen.
Nicht nur die
Sonderkonditionen bei der Kreditvergabe konnten gestrichen werden, in
einzelnen Fällen wurden die Banken direkt angewiesen, die
Kreditgewährung einzustellen, so dass die Firmen in Konkurs
gingen, oder sie wurden zu Zusammenschlüssen gezwungen
(10).Während die Chaebol als Gruppe, an deren Funktionieren der
Erfolg der gesamten Strategie hing, alle erdenklichen Vorteile
genossen, konnten einzelne Chaebol jederzeit vom Staat diszipliniert
werden (vgl. Chang 1993, 149).
Hinter dieser
Entwicklungsstrategie steht die Erkenntnis, dass die weitgehend
fehlenden Linkages im Fall einer nachholenden Entwicklung für
das private Kapital so hohe Risiken beinhalten, dass
entwicklungsentscheidende Investitionen ohne strategische staatliche
Steuerung unterbleiben würden(11) . Daraus folgt die
Notwendigkeit zur Abschirmung und gezielten Förderung.
Risikominderung durch staatliche Politik erhält dadurch den
Charakter einer Produktionsvoraussetzung bzw. einer Infrastrukturinvestition.
Wenn die
Realisierung der Investitions- und Produktionsentscheidungen dem
privaten Kapital überlassen wird, dann ist der Erfolg einer
solchen Politik allerdings an drei Voraussetzungen gebunden: Erstens
muss der Staat stark genug sein, die Durchsetzung seiner
überzeugenden Gesamtstrategie gewährleisten zu können;
er muss zweitens in seiner Bürokratie die Kompetenz haben, die
alles entscheidende Auswahl der geeigneten Industrien und
Maßnahmen richtig zu treffen; und er muss der Versuchung
widerstehen, den gesamten Wirtschaftsablauf bürokratisch
kontrollieren zu wollen. Diese Voraussetzungen waren in Korea
erfüllt bzw. wurden entwickelt. Als besonders wirkungsvoll
erwies sich dabei die Konzentration der straffen Planung auf wenige
strategische Sektoren; die übrigen Bereiche waren dadurch nicht
nur schlicht diskriminiert, sie waren auf der anderen Seite auch
frei, sich Zuliefer- bzw. Absatzverbindungen selbst zu suchen.
Dadurch konnte vermieden werden, dass die diskriminierten Sektoren
demotiviert wurden, ein häufiges Beispiel aus sozialistischen
Ländern. Sie wurden im Gegenteil durch die ihnen eröffnete
Möglichkeit zur Weitergabe des Drucks über den Markt zur
Entwicklung immer höherer Produktivität und Senkung der
Lohnkosten motiviert.
2.5.
Resümee: Stabilität durch Flexibilität
Was im
nachhinein als eine logische Entwicklungsstrategie erscheinen mag (so
z.B. bei Chang 1993), ist in Wirklichkeit ein in sich extrem
widersprüchlicher Prozeß mit vielen großen und
kleinen sozialen Eruptionen gewesen.
Die
Übergänge von einer Politik der Importsubstitution zu einer
solchen der Exportförderung, der Übergang von einer
Förderung der Leichtindustrie zu einer solchen der
Schwerindustrie und der Übergang von der Finanzierung mit
Auslandsanleihen zu einer Politik der gezielten Förderung von
Direktinvestition, alle diese Übergänge waren Brüche
in der Strategie; sie waren jeweils Reaktionen auf Krisen der
vorangegangenen Politik (Heide 1993a), ausgelöst teils durch
Veränderungen des weltwirtschaftlichen Kontextes, teils durch
innergesellschaftlichen Wandel.
Dass das
System und sein Staat diese Erschütterungen überstanden und
sich dabei langfristig stabilisiert haben liegt daran, dass die
herrschende Elite als Ganzes flexibel reagiert hat: Regime sind
gestürzt worden (im Fall des Initiators der Entwicklungsdiktatur
Park Chung-Hee wurde auch vor Mord nicht zurückgeschreckt), und
immer wieder hat man demokratische Intermezzi zugestanden, wenn es
denn unvermeidlich war. Denn mangels einer realen Alternative
scheiterten die demokratischen Intermezzi mit ihrer zwangsläufig
populistischen Politik letztlich immer an der Obstruktion derer, die
die Macht real noch in Händen hielten. So wurde jedesmal der Weg
für den nächsten Putsch geebnet.
Es gelang auf
diese Weise, alle tiefen politischen Krisen als Krisen der
spezifischen Politiken und der für sie Verantwortlichen zu
behandeln und damit eine Krise des Entwicklungsmodells insgesamt oder
gar des Staates zu vermeiden.
3. Korea als Produktionsstandort
Da es neben
den offiziell geförderten Bereichen immer auch einen
beträchtlichen Teil marginaler Sektoren gab, die ihre Existenz
schlicht den billigen Arbeitskräften verdankten, die sie aus den
noch nicht integrierten Schichten der Slums der großen
Städte und aus dem ständig weiter fließenden Strom
vom Land in die Städte rekrutierten, konnte die systematische
sektoral gestaffelte Förderung dazu führen, dass die
koreanische Wirtschaft als Ganzes wettbewerbsfähig wurde und blieb.
Die Effizienz
des südkoreanischen Produktionssystems gründet sich auf
eine ausgeklügelte Hierarchie von Zulieferbetrieben erster,
zweiter und dritter Ordnung an den zentralen, modernen Sektor, die
nach japanischem Vorbild durch ein von außen kaum
durchschaubares Netz von Verträgen und Unterverträgen
miteinander verbunden sind. Wesentlich für das Funktionieren ist
die Weitergabe des Konkurrenzdrucks bis hinunter zu den ArbeiterInnen
der marginalen Bereiche. Das schlägt sich statistisch in einer
deutlichen Zunahme der durchschnittlichen Lohndifferenzen zwischen
großen und kleinen Betrieben von über 30 % nieder (Heide
1993)(12) .
Das starke
Wirtschaftswachstum der letzten beiden Jahrzehnte hat trotz
großer Rationalisierungsanstrengungen zu einer ständigen
Zunahme der Beschäftigung in der Industrie und im
Dienstleistungsbereich geführt.
In der
Agrarpolitik hat die Regierung seit dem zweiten Fünfjahresplan
(1967-1971) eine Gratwanderung versucht zwischen einer Politik der
niedrigen Verbraucher- und Erzeugerpreise, verbunden mit einer
dosierten Politik der systematischen Freisetzung von
Arbeitskräften für die Realisierung der
Industrialisierungspläne einerseits und - besonders in den
siebziger Jahren, als die soziale Basis der Regierungspartei
zusammenzuschmelzen drohte - in einer Politik der Gewinnung der
Bauern durch Verbesserung ihres Lebensstandards und einer
Modernisierung der Landwirtschaft(13) . Heute leben nur noch etwa 10
% der südkoreanischen Bevölkerung von der Landwirtschaft.
Selbst wenn sich diese Zahl auf Grund der in der Uruguay-Runde
eingegangenen Verpflichtung zur vollständigen Liberalisierung
des Agrarmarktes langfristig noch auf ein Drittel reduzieren
dürfte, so ergibt das in absoluten Zahlen keine großen
Abwanderungsbewegungen mehr. Und die Struktur der Abwanderung hat
sich strukturell gänzlich verändert. Es wandern nicht mehr
überwiegend "ungelernte" und damit billige
ArbeiterInnen ab, sondern die Angehörigen der jungen Generation
sind durch den Besuch weiterführender Schulen und Hochschulen
oft höher und hochqualifiziert. Das trifft bisher noch
überwiegend auf die jungen Männer zu, zunehmend jedoch auf
junge Frauen.
Die Mehrzahl
der im Ausland arbeitenden KoreanerInnen(14) ist inzwischen
zurückgekehrt. Seit den siebziger Jahren ist dazu die
Geburtenrate rückläufig, und die geburtenschwächeren
Jahrgänge sind für den Arbeitsmarkt zunehmend relevant
geworden. So lag bei langfristig gesehen hoher Exportkonjunktur die
offizielle Arbeitslosenquote seit Ende der achtziger Jahre
ständig unter 2,5 %. Das Verhältnis der Zahl der offenen
Stellen zu derjenigen der Arbeitssuchenden beträgt Anfang 1995
etwa drei zu eins(15) .
Die nach der
Machtergreifung des Generals Chun Doo-Hwan Anfang der achtziger Jahre
noch einmal gelungene gewaltsame Unterdrückung der Artikulation
der materiellen und emanzipatorischen Forderungen der Arbeiter konnte
nach dem Aufschwung der demokratischen Gewerkschaftsbewegung seit
1987 nicht mehr verhindert werden, so dass die Löhne der
Industriearbeiter sich seitdem im Durchschnitt jährlich um
nominal 15 % erhöht und damit insgesamt fast vervierfacht haben.
Tabelle 2:
Industriearbeiterlöhne 1985 - 1996 (umgerechnet in DM):
Die schon
erwähnten hohen Lohndifferenzen haben zusammen mit einer
traditionell ohnehin hohen Bildungsbereitschaft, die in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre durch eine bewußte Politik des
Ausbaus der Ausbildungsinfrastruktur sowie propagandistisch
unterstützt wurde, insbesondere im Laufe der letzten zehn Jahre
zu einer dramatischen Abwanderung von Arbeitskräften aus den
schlechtestbezahlten sogenannten "3D-Bereichen"
("durty, difficult, dangerous") in besser bezahlte Sektoren
mit erträglicheren Arbeitsbedingungen geführt.
Da die
meisten Betriebe der marginalen 3D-Sektoren ihre
Existenzmöglichkeit gerade dem Vorhandensein eines ständig
nachgefüllten Reservoirs billiger Arbeitskräfte verdanken,
folgt aus der eben skizzierten Entwicklung die Notwendigkeit zur
Restrukturierung. Für den einzelnen Betrieb bedeutet das in der
Regel, dass er schließen muss. Was die koreanische
Industriestruktur als Ganzes angeht, so drückt das ein weiteres
"Upgrading" aus. In Begriffen der Standorttheorie wiederum
bedeutet es eine Auslagerung minderbewerteter Produktionsprozesse ins
Ausland. Die Arbeit in bestimmten Produktionsprozessen wird damit
nicht mehr von hochbezahlten koreanischen, sondern von billigeren
ausländischen Arbeitskräften geleistet.
Tatsächlich
haben die Direktinvestitionen südkoreanischer Firmen im Ausland
seit Mitte der achtziger Jahre stark zugenommen, wobei für eine
Auslagerung außer dem Arbeitskostenargument auch das
Markterschließungsargument berücksichtigt werden muss.
Letzteres muss für Direktinvestitionen in Nordamerika, Mittel-
und Südamerika sowie Europa als entscheidend angesehen werden.
Aus der folgenden Tabelle ist ersichtlich, dass fast genau zwei
Drittel aller Investitionsprojekte auf Asien entfallen. Die hohe Zahl
der Projekte und die relativ geringe je Projekt investierte Summe
sind ein Indiz für arbeitsintensive Produktionsprozesse.
Tabelle 3:
Südkoreanische Direktinvestitionen nach Regionen
(Restsumme am
30.6.94 in Millionen US$)
Nun haben die
hier angesprochenen Bereiche der "3D-Sektoren" ein
deutliches Übergewicht von kleinen und mittleren Unternehmen. Da
diese in der Regel weder über genügend Kapital
verfügen, noch über das know how und die nötige
Logistik, scheidet aus der Sicht der unmittelbar betroffenen
Einzelkapitale die Lösung der Auslandsverlagerung meist aus. Die
einzige Lösung kann dann darin bestehen, die für die
Fortführung der Produktion erforderlichen ausländischen
Arbeiter nicht in deren Heimatland zu beschäftigen, sondern nach
Korea hereinzuholen(16) .
Beide
Strategien sind in den Jahren nach 1987 angewandt worden.
4.
Ausländische ArbeiterInnen in Korea
Die
Beschäftigung von AusländerInnen war bislang in Korea
grundsätzlich nicht vorgesehen. Fast selbstverständliche
Ausnahmen (abgesehen von der Anwesenheit von 40.000 US-amerikanischen
Militärs) bilden Wissenschaftler (Studium und Forschung),
leitende Angestellte, Firmenvertreter usw. sowie Spezialisten,
für die es im Lande selbst keine Alternative gibt.
Darüber
hinaus gibt es inzwischen legal Ausländer mit dem Status von
Praktikanten bzw. Auszubildenden. Diese Trainees erhalten
eine ein- oder zweijährige Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung,
die grundsätzlich nicht verlängert wird. Die Zahl der
ausländischen Praktikanten betrug Anfang 1997 etwa 70.000.
Aufgrund
ihres speziellen Status gelten diese legal Arbeitenden
arbeitsrechtlich nicht als Arbeitnehmer und haben damit keinerlei
Ansprüche aus Tarifverträgen. Tatsächlich wird die
Mehrzahl von ihnen jedoch überhaupt nicht ausgebildet, sondern
arbeitet bei gleicher Arbeit für weniger als die Hälfte des
Lohns ihrer koreanischen Kollegen (Park, Y., 1994, S. 171). Zudem
sind Arbeitszeiten von täglich 12-14 Stunden ohne
Überstundenbezahlung keine Seltenheit (Newman 1995, 37). Die
Unterbringung erfolgt meist in Lagern auf dem Firmengelände mit
streng kontrolliertem Ausgang oder in Notunterkünften.
Unter den
ausländischen Praktikanten gibt es darüberhinaus eine
eindeutige Hierarchie, die sich in Arbeitsbedingungen und sogar in
der Lohnhöhe ausdrückt. So differieren die Entgelte für
Praktikanten je nach nationaler Herkunft um bis zu 30%.
Diese
Unterschiede werden meist einleuchtend mit
Verständigungsproblemen, aber auch mit unterschiedlichem
Arbeitsfleiß begründet(17) . Der hier sichtbar werdende
Aspekt kann als das Hereinholen der Weltmarkthierarchie auf den
inländischen Arbeitsmarkt verstanden werden. Er ist seinem Wesen
nach rassistisch und erweist sich objektiv als ein Instrument einer
feineren Dosierung der Spaltung (18) .
Eine vom
Verdienst her besonders diskriminierte Kategorie von Praktikanten
sind diejenigen, die von im Ausland tätigen koreanischen
Konzernen in ihren Heimatländern mit dem Versprechen angeworben
werden, nach einem Ausbildungsjahr in Korea eine bessere
Verdienstmöglichkeit in ihrem Heimatland zu bekommen. Ihre Zahl
betrug Anfang 1997 ca. 20000. Sie erhalten während des Jahres in
Korea nur umgerechnet 90 - 100 US$ im Monat.
Viele dieser
"Praktikanten" reisen nach Beendigung ihres
Ausbildungsverhältnisses nicht aus oder verlassen schon
während dieses Jahres ihre Praktikantenstelle, um auf dem
illegalen Arbeitsmarkt je nach Knappheit mehr oft als das Doppelte
(nämlich zwischen 500 und 800 US$) zu verdienen, und gehen somit
in die Illegalität(19) . Das verschlechtert jedoch nochmals ihre
soziale Situation, da sie überhaupt nicht mehr versichert und
auf das Wohlwollen ihrer Arbeitgeber angewiesen sind, da ihnen bei
Entdeckung die sofortige Ausweisung droht. Dass nach dem
Opportunitätsprinzip Ausweisungen nur in Ausnahmefällen
vollstreckt werden, bedeutet für die einzelnen Betroffenen keine
Entschärfung ihrer Situation, da für sie ja keinerlei
Rechtssicherheit besteht. Der größte Teil der illegalen
Ausländer ist jedoch mit einem Touristenvisum eingereist und
dann untergetaucht.
Die Zahl der
illegalen Ausländer wird Anfang 1997 auf bis zu 130.000
geschätzt. Die wichtigsten Herkunftsländer der
ausländischen Arbeitskräfte sind(20) China (mit einem
Anteil von schätzungsweise über 40 %, die Philippinen (ca.
16 %) und Bangladesch (ca. 12 %). Es folgen Nepal, Pakistan,
Thailand, Myanmar, Iran, Sri Lanka, Indien u.a.
Durch die
Beschäftigung von ausländischen Arbeitern wird die
herkömmliche krasse Stratifikation insbesondere der untersten
Segmente des Arbeitsmarkts sukzessive zu einer ethnischen Stratifikation.
Aus der Sicht
der einzelnen Unternehmen wird die Beschäftigung
ausländischer ArbeiterInnen immer dann sinnvoll, wenn es
kostengünstiger und organisatorisch einfacher ist, Ausländer
hereinzuholen, als nichtbeschäftigte Inländer zu
mobilisieren(21) . Der organisatorische Aspekt scheint dabei eine
besondere Bedeutung zu haben: Der größte Teil der
Ausländer wird über Schlepperorganisationen, sogenannte
Vermittlungsfirmen, mobilisiert, über die in vielen Fällen
auch die Lohnauszahlung erfolgt(22) . Da sich die Arbeiter hoch
verschulden mussten, um die Vermittlungsgebühren und Reisekosten
aufzubringen, stehen sie noch mehr unter Anpassungsdruck(23) .
Politisch ist
das Hereinholen von ausländischen ArbeiterInnen nicht ohne
Probleme. Ein wesentlicher Gesichtspunkt dabei ist, dass die
Ausländer nur solange die ihnen zugedachte Funktion
erfüllen, wie sie tatsächlich deutlich niedrigere Löhne
erhalten und sich mit deutlich schlechteren Arbeits- und
Lebensbedingungen zufrieden geben, als ihre koreanischen Kollegen.
Das ist am Anfang eines solchen Arbeitsverhältnisses fast immer
der Fall. Die Menschen kommen aus extrem armen Verhältnissen;
aufgrund der Wechselkursrelationen und der Lebensverhältnisse in
ihren Heimatländern
Tabelle 4:
Industriearbeiterlöhne in einigen ausgewählten
asiatischen
Ländern (US$)
sind sie in
der Lage, trotz niedriger Löhne einen Teil zu sparen und an ihre
Familien zu überweisen, für die die geringen Beträge
oft als Reichtümer erscheinen. Bleiben die Ausländer
länger, werden die zu befriedigenden materiellen Bedürfnisse
größer und der Druck auf die Löhne würde
steigen etc. (vgl. Heide 1993b). Eine grundlegende Legalisierung und
damit mögliche Integration würde in der Konsequenz
langfristig auch eine Familienzusammenführung bedeuten. Eine
langfristige Aufrechterhaltung der Diskriminierung dagegen würde
eine Apartheidspolitik notwendig machen: Die Ausländer
müßten als solche identifizierbar bleiben. Abgesehen von
dem Wirken der "Alltagsausgrenzung", die sich festmacht an
Aussehen, Sprache, Verhaltensweisen usw., wie sie im Kontext fast
aller bekannten Gesellschaften vorkommen, wäre das an den
juristischen Status gebunden, der wesentlich mit dem der
Staatsangehörigkeit korreliert.
Die Haltung
der Regierung und anderer offizieller Stellen und Verbände zur
Ausländerfrage ist ambivalent, was sich in teilweise
gegensätzlichen Stellungnahmen verschiedener Ministerien
ausdrückt. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist das unterschiedliche
Interesse an der Aufrechterhaltung des Prinzips der
vorübergehenden Beschäftigung(24) . Einerseits scheint
überhaupt nur das Festhalten an der Diskriminierung die Vorteile
der Beschäftigung von Ausländern zu ermöglichen,
andererseits wird befürchtet, dass eine zunehmende
Beschäftigung von Ausländern ansonsten nötig werdende
Auslagerungen verhindern und damit das für die Verbesserung der
Wettbewerbsfähigkeit notwendige weitere Upgrading der
koreanischen Wirtschaftsstruktur eher bremsen könnte.
Die
ambivalente Haltung der Regierung drückt sich konkret darin aus,
dass entdeckte Illegale zum Beispiel in der Regel nicht ausgewiesen
werden, wenn ein inländisches Unternehmen nachweist, dass sie
als Arbeitskraft unverzichtbar sind; dass sie aber ein Bußgeld
in Höhe von umgerechnet 200 DM zahlen müssen (nicht das
Unternehmen!)(25) .
Die ersten
Reaktionen der koreanischen Gewerkschaften und der Öffentlichkeit
reichten von Konzeptionslosigkeit bis zur Abwehr mit rassistischen
Argumenten. Die offizielle Linie der demokratischen Gewerkschaften
versuchte, auf der Grundlage der "Menschlichkeit" für
die schon Eingewanderten ein Bleiberecht und "menschliche
Behandlung", verbunden mit einem Zuwanderungsstopp zu reklamieren.
Im
Zusammenhang mit ersten öffentlichen Demonstrationen und
Sitzstreiks von Ausländern, die zu Reaktionen in den Medien
geführt haben, ist eine Solidarisierung linker, kirchlicher,
buddhistischer Gruppen auch von Teilen der demokratischen
Gewerkschaftsbewegung inganggekommen.
In den
demokratischen Gewerkschaften beginnt sich die Meinung durchzusetzen,
dass der Kampf für Arbeiterrechte mit den ausländischen
ArbeiterInnen gemeinsam geführt werden muss. Es wurde ein
Joint Committee for Migrant Workers ins Leben gerufen,
das auf der Grundlage der Solidarität eine wichtige Funktion
hat. Aber die Haltung ist insbesondere an der Basis noch immer
ambivalent(26) .
In Seoul
bietet der Anwaltsverein eine spezielle Rechtsberatung für
ausländische Arbeiter an, und es gibt inzwischen viele
Initiativen, an die sich Betroffene telefonisch wenden können.
Nachdem zunächst in Seongnam das erste "Haus für
ausländische ArbeiterInnen" mit kirchlicher
Unterstützung eingerichtet wurde, sind in der Region um Seoul
inzwischen viele derartige Einrichtungen entstanden, von denen viele
sich ausdrücklich als Teil der Arbeiterbewegung definieren. In
der demokratischen Öffentlichkeit hat sich der Druck inzwischen
so verstärkt, dass der Verband der kleinen und mittleren
Unternehmen, in dessen Zuständigkeit seit 1994 die
Durchführung des Praktikantenprogramms liegt, offiziell eine
Liste mit konkreten Maßnahmevorschlägen zur Verbesserung
der Stellung der ausländischen Praktikanten vorgelegt hat.
Tatsächlich
ist festzustellen, dass die Immigranten erst ernstgenommen werden,
seit sie Anfang 1995 erstmals als organisierte Gruppe mit einer
Demonstration an die Öffentlichkeit getreten sind, d.h. dass sie
zum Subjekt geworden sind. Am stärksten organisiert sind nach
wie vor die illegalen ArbeiterInnen aus Nepal, die schon die erste
Demonstration in der Myeongdong-Kathedrale durchgeführt hatten.
Sie sind unter den vielen ethnischen bzw. nationalen Gruppen bisher
die einzige, die sich landesweit organisiert hat und offensichtlich
fast alle Betroffenen erfasst. Unter den ArbeiterInnen aus Nepal gibt
es sogar einen Solidaritätsfonds, der der Unterstützung von
Landsleuten dient, die von Arbeitsunfällen betroffen sind. Die
übrigen Nationalitäten sind meist nur lokal organisiert,
überwiegend informell, was in der Regel kaum über rein
private Kontakte hinausgeht. Unter den China-Koreanern hat es
Versuche zum Aufbau von politischen Zusammenhängen gegeben, die
aber sofort von der Polizei zerschlagen wurden; die Aktiven wurden
umstandslos ausgewiesen.
5. Korea -
eine moderne Gesellschaft?
Vielen
erscheint das Modell Korea als ein Beispiel dafür, wie gegen
ursprünglich breiten Widerstand in einer agrarischen
Gesellschaft die große Mehrheit der Bevölkerung innerhalb
eines Zeitraums von nur gut drei Jahrzehnten in eine
"moderne", auf die Macht des Geldes gegründete
Gesellschaft integriert werden kann. Das ist wie oben ausgeführt
im Wesentlichen erklärbar durch den "starken Staat",
der in geringem Maße Rücksicht auf eine gesellschaftliche
Opposition nehmen zu nehmen gezwungen war. Viele Anzeichen deuten
jedoch darauf hin, dass es falsch sein könnte, von einer
modernen Gesellschaft zu sprechen. Gerade die
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Jahreswende 1996/97
legen die Einschätzung nahe, dass es bei der vom
Staat-Chaebol-Komplex eingeleiteten neuen politischen Phase um den
Versuch geht, der Modernisierungs-Strategie der
Arbeiterbewegung eine flexible Strategie aus dem Festhalten an Resten
gewissermaßen vormoderner politischer und
rechtlicher Verhältnisse und einem Sprung in die
Postmoderne zu finden (Hwang, Ki-Don 1997).
5.1. Soziale Unterentwicklung
Da es
jahrzehntelang keine für soziale Rechte kämpfende
Arbeiterbewegung gegeben hatte, ist die Kehrseite des koreanischen
Entwicklungsmodells die krasse Unterentwicklung des gesamten Sozialbereichs.
Im Jahre 1990
lebten nach Angaben des Korean Economic Planning Board 7,7 % der
südkoreanischen Bevölkerung, das sind 3,3 Millionen
Menschen, nach offiziellen Kriterien in "absoluter Armut",
d.h. von weniger als 67 US$ im Monat (Palley 1992, 791). Besonders
betroffen vom Fehlen eines sozialen Netzes sind jegliche
"Randgruppen", Behinderte und ältere Menschen. In
offiziellen Begründungen für die geringen Anstrengungen zur
Absicherung im Alter stößt man neben der Klage über
Mangel an finanziellen Ressourcen des Staates (27) immer wieder auf
die mit konfuzianistischen Ideologieelementen untermauerte
Befürchtung, der Zusammenhalt der Familie würde dadurch
gefährdet (vgl. Palley 1992, 796). Offensichtlich ist das
traditionelle Familienmodell der alten Agrargesellschaft aber gerade
im Zuge der schnellen Industrialisierung und Durchkapitalisierung der
Gesellschaft bereits weitgehend aufgelöst und tatsächlich
funktionsunfähig geworden(28) . Gerade das ist der Grund für
die große Not unter Alten und Behinderten.
Zwar sind in
den letzten Jahren Anstrengungen unternommen worden, den
Wohnungsmarkt den Erfordernissen anzupassen, indem sowohl der
Wohnungsbau forciert, als auch die Bodenspekulation bekämpft
worden ist, die Mieten sind trotzdem explosionsartig gestiegen, und
der Wohnungsmarkt hat ein System hervorgebracht, das
Nichteigentümer von Wohnungen extrem benachteiligt.
Die Zahl und
die Schwere der Arbeitsunfälle ist im internationalen Vergleich
immer noch extrem hoch(29) , die Versicherung dagegen ungenügend.
Im
Zusammenhang mit der erzwungenen Liberalisierung des Agrarmarkts
infolge der Uruguay-Runde ist mit dem einzigen der
Weltmarktkonkurrenz nicht gewachsenen Sektor das Schicksal der
verbliebenen Bauern zum nationalen Thema geworden. Ihr Anteil ist
aber mittlerweile so dezimiert, dass sie für die soziale und
politische Stabilität keine ernstzunehmende Gefahr mehr darstellen.
5.2.
Schwierigkeiten mit der Zivilgesellschaft
In den
wenigen Jahren der ersten stabilen zivilen Ära unter Kim
Young-Sam sind die Gefängnisse erneut gefüllt mit
Dissidenten, mit Menschen, die versucht haben, elementare
gewerkschaftliche Rechte wahrzunehmen, und mit radikalen
Intellektuellen und Dichtern wie Park No-He. Und die Verhaftung
hunderter von linken Studenten im Jahre 1994, denen man vorwarf, sie
wollten den Tod des nordkoreanischen Führers Kim Il-Sung
begehen, zeigt, wie weit die südkoreanische Gesellschaft noch
von einer tiefgreifenden Demokratisierung entfernt ist.
Eine
sprunghafte Zunahme der organisierten Gewaltkriminalität in den
letzten Jahren, die sich zum Teil explizit auf eine gegen "die
Reichen", "die Korrupten" und die "Arroganz der
Mächtigen" gerichtete Moral stützt, signalisiert noch
ein bedeutendes Integrationsdefizit(30) . Das ausschließliche
Setzen auf den Segen des Geldes befriedigt offenbar insbesondere dort
nicht, wo das Geld für große Teile der Gesellschaft noch
lange nicht ausreicht und die immensen sozialen Probleme noch
ungelöst sind (vgl. auch Palley 1992, 791). Der krasse Gegensatz
zwischen zur Schau gestelltem Reichtum, Korruption, Arroganz der
Macht auf der einen und der Aussichtslosigkeit für viele, durch
Arbeit das überall durch exzessive Werbung versprochene Ziel des
Wohlstands zu erreichen, auf der anderen Seite bildet den Untergrund
für individuelle und kollektive Ausbrüche von Hass.
Und es gibt
heute weniger denn je eine grundsätzliche
gesellschaftspolitische Alternative zum gegenwärtigen
erbarmungslosen Kampf um die guten Plätze in der Gesellschaft,
der eine Folge des Konkurrenzkampfs auf dem Weltmarkt ist.
Hintergrund
für den aktuellen Angriff gegen die sozialen Errungenschaften
seit 1987 ist das angesichts der fortschreitenden Logik der
Globalisierung endgültig in die Krise geratene Modell
Korea. Was statistisch als abgeschwächte
Produktivitätsentwicklung erscheint, signalisiert, dass
die gigantische Mobilisierung aller menschlichen und
Umwelt-Resourcen für den wirtschaftlichen Durchbruch
mit dem immer wiederholten Appell zur Selbstaufopferung für ein
später angeblich gutes Leben an ihre Grenzen stößt.
Nun zeigt sich auch, dass die jahrzehntelang aufgepäppelten
Chaebol alles andere als effizient arbeiten. Im Schutz der
staatlichen Regulierung zu ihren Gunsten haben sie von
Steuervorteilen, Zinsvorteilen, der Abschottung vor Konkurrenz und
von niedrigen Löhnen profitiert. Unabhängig von der eigenen
internen Leistungsfähigkeit sind kraft staatlicher Autorität
Milliarden und aber Milliarden zugunsten der großen Konzerne
umverteilt worden. Was in der Phase des industriellen Aufbaus aus
Sicht des Kapitals eine höchst effiziente Politik war, erweist
sich in der Phase der Normalisierung als schwer
rückgängig zu machen.
Die
Aufdeckung des Hanbo-Skandals gerade in der Phase schärfster
gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist kein Zufall. Dass ein
schon in den Jahren unter Präsident Roh Tae-Woo in mehrere
große Finanzskandale verwickelter Firmenboss wie Chung Tai-Soo
von Hanbo an allen staatlichen und Bankenkontrollen vorbei
umgerechnet 10 Milliarden DM an Krediten auftreiben konnte (bei einer
Eigenkapitalbasis von etwa 7% dieser Summe!), zeigt die Verstrickung
des Staatsapparats und der Parteien bis in die höchsten Spitzen
(der älteste Sohn des Präsidenten gilt als
Schlüsselfigur für die Hanbo-Kredite) in diesem Skandal.
Innerhalb der Verwertungslogik des Kapitals erscheint bei der Suche
nach Auswegen aus der Krise des Staat-Chaebol-Komplexes eine Senkung
der Arbeitskosten das einzig Mögliche.
Die
Flexibilisierung beim Einsatz der Arbeitskraft, der Ersatz von
Stammarbeitern durch flexible Arbeitskräfte ohne langfristige
Arbeitsverträge, die Senkung der Lohnkosten durch
Einschränkung der Vergütung der Überstunden usw. sind
freilich nur die eine Seite des Problems, sozusagen die passive
Sanierung. Was auf der Aktivseite fehlt, ist, wie schon
erwähnt, die Entwicklung der Produktivität. Da operierten
Regierung und Wirtschaft während des Streiks mit
einer Doppelstrategie: Zum einen mit der Verteufelung der
radikalen Gewerkschaftsführer als
unverantwortliche Elemente, mit dem Aufzählen der
streiktäglich verlorengehenden Milliarden und damit dem Appell
an das immer noch tiefsitzende schlechte Gewissen, das den Menschen
von früher Kindheit an anerzogen wurde; zum anderen mit
Versprechungen über Sozialpartnerschaft und Konzertierte Aktion
und über die Größe des bei Wohlverhalten der
Gewerkschaften zu verteilenden Kuchens.
Diese
Doppelstrategie zielt langfristig auf eine verstärkte
Verinnerlichung des Kapitals, d. h. seiner weltweiten
Verwertungslogik, durch die arbeitenden Menschen, und sie wird
abgesichert durch die neuen Arbeitsgesetze und letzten Endes das
Nationale Sicherheitsgesetz.
Wie die
Vergangenheit Südkoreas gezeigt hat, können selbst
Terrorregime gestürzt werden. Diesmal würde aber auch der
Sturz des Präsidenten und seiner Partei nichts wesentliches
ändern. Denn hinter dem Präsidenten und hinter dem
Militär und letztlich hinter den oft bemühten
Amerikanern steht heute der sich globalisierende Weltmarkt. Und
dieser ist in den letzten Jahren zum Totschlags-Argument
gegen konsequente Kritiker entwickelt worden.
Die Botschaft lautet:
Ihr
habt nur eine Chance, wenn ihr Euch anpasst an die Anforderung des
Weltmarkts, wenn Ihr Euch unterwerft unter das Kapital und wenn Ihr
auf dieser Basis in der mörderischen Konkurrenz der Standorte
Euch einen der wenigen Plätze an der Sonne erkämpft.
Der Sturm,
der nach dem 26. Dezember in Korea losgebrochen ist, hat gezeigt,
dass die Menschen diese Botschaft so umstandslos für sich noch
nicht akzeptiert haben. Die weitere Entwicklung ist allerdings
äußerst unsicher.
Zwar gab sich
die Gewerkschaftsführung sehr entschlossen, dass der Kampf
für die Modernisierung weitergehen würde; aber die Basis
ist sehr schnell wieder abgebröckelt. Während die
parlamentarische Einigung nach dem Einlenken des Präsidenten
noch ausstand, waren die Arbeiter und Angestellten in vielen
Betrieben bereits fieberhaft bemüht, in Sonderschichten, an
Samstagen und sogar Sonntagen ohne Überstunden- und
Feiertagsvergütung die ausgefallenen Arbeitsstunden wieder
aufzuholen. Und leitende Angestellte gaben spektakuläre
Selbstverpflichtungen ab, mit gutem Beispiel voranzugehen und bis zu
10% ihres Gehalts ihrem Unternehmen zur Überbrückung der
Streikausfälle zur Verfügung zu stellen.
Dieses
Problem ist nicht neu. Die koreanische Politik - und auch die
Gewerkschaftspolitik - ist immer noch weitgehend
Honoratioren vorbehalten. Was die Gewerkschaften angeht,
so werden Menschen mit klaren Konzepten und radikalen Programmen oft
in die Leitungsfunktion gewählt. Nur stehen sie dort mit ihrem
Programm oft allein, weil sich die Basis dem Diktat des Markts, d. h.
der Kapitalrationalität unterwirft. Andererseits zeigt sich die
Führung der Gewerkschaften oft unentschlossen und verhält
sich dann faktisch im Sinne der Kapitalrationalität, weil sie
sich subjektiv von der Basis alleingelassen fühlt; so z.B. auch
bei dem Entschluss, den Generalstreik Anfang 1997 auszusetzen und vor
weiteren Aktionen die Verhandlungen auf der parlamentarischen Ebene abzuwarten.
Auch nach dem
im Parlament beschlossenen Kompromiss, der durch die Legalisierung
des Demokratischen Gewerkschaftsverbandes den Forderungen der
Gewerkschaften (und der OECD!) nach Modernisierung nun doch
entgegenkommt, und gleichzeitig der von der Kapitalseite propagierten
Notwendigkeit von Flexibilisierung Rechnung trägt, gibt es zu
dem Ausstieg aus der Kapitalrationalität keine Alternative, in
Korea nicht und nicht in Deutschland und an keinem anderen
Standort. Die bisher eher rationale Einsicht, dass die
Globalisierung unter den arbeitenden Menschen auf Dauer keine
Gewinner, sondern nur Verlierer hervorbringen wird, wird die Herzen
der Menschen erfassen müssen, damit globale Solidarität als
Antwort auf die Globalisierung des Kapitals möglich wird.Social
Implications of South Korea's Successful Integration into the World Market
- Summary -
The social
conflict, which became visible after the South Korean
governments attempt to aggravate the Korean labor laws at the
end of 1996, is a suitable occasion to reexamine the social
implications of the South Korean Model of integration
into the world market.
My main
argument is, that the decisive precondition for this apparently
successful policy was the forced development of the exploitability of
human vitality. The severe collective traumas of 1945 (when the
long-desired liberation soon proved to be a new dependence) and
1950-53 (with the destruction of whatever hope for an alternative
model of development) had resulted in a state of mind, which perhaps
can be characterized as a sort of ideological vacuum. This was taken
by the developmental dictatorship of Park Chung-Hee as the starting
point for a systematic reeducation in the form of an implantation of
a new compition- and performance-oriented ideology, conducive to
capitalist development. This being the background, I try to outline
the main political-economic principles of South Korean politics of
development.
The
"Korean Model" of development has now come to a limit,
which capital tries to pass. The measures taken towards
liberalization in consequence of the GATT negotiations and those for
creating the preconditions for the country's OECD membership have
opened the Korean society for an unsheltered globalization. The
reaction of society seems so far extremely contradictory. The actual
struggle is mainly between the state-chaebol-complex trying to
jump from a pre-fordist model of accumulation to
post-fordism on the one hand, and the labor movement insisting on
their claim for a modernization of industrial relations which implies
just some sort of fordist model.
Endnoten:
(1) Der
ursprüngliche Text erscheint demnächst in Kappel (1997)
(2) Die
neueste Entwicklung zeigt weiter dieses bewährte Muster.
(3) So auch
Leftwich in seinem Versuch einer theoretischen Generalisierung des
Konzepts "Developmental State" (Leftwich 1995). Lee,
Eun-Jeung spricht von einem dynamisch-autoritären
Typ von Herrschern (Lee, E.J., 1993, S. 79).
(4) Vgl. dazu
die inzwischen "klassische" Darstellung von Cumings (1986).
(5) Das
Eigentum an Grund und Boden wurde auf 3 ha begrenzt. Hierauf beruht
der ungewöhnlich egalitäre "Gini-Index", der seit
Jahrzehnten durch die Korea-Literatur geistert und immer wieder als
Mitursache der günstigen Ausgangssituation Südkoreas
bemüht wird. Vgl. z.B. die Arbeiten von Mentzel und Senghaas (Mentzel/Senghaas 1986).
(6) Daß
eine derartige Mischung gelingen konnte, ist in vielerlei Hinsicht
bemerkenswert. So genießt der Militarismus in der
traditionellen konfuzianischen Lehre ein ausgesprochen schlechtes
Ansehen, und entgegen der breiten Volksmeinung mußte versucht
werden, eine Art südkoreanischen Separat-"Nationalismus"
zu schaffen. Vgl. dazu die inzwischen breite Literatur , zur
ideologischen Basis des Regimes von Park insbesondere Lee, E.J. 1995..
(7) Heide
1993a. Zur Einseitigkeit vieler westlicher Interpretationen des
Konfuzianismus im Zusammenhang mit dem ostasiatischen
Führungsstil siehe neuerdings Kang 1995, S. 296 ff.; allgemein:
Lee, E.J. 1993.
(8) Auf
dieser ideologischen Umerziehung konnte die breite
Ausbildungsoffensive aufbauen.
(9) Die
strategischen Kredite machten in der Zeit zwischen 1962 und 1985 fast
60 % aller Bankkredite aus (Chang 1993, 141).
(10) Das
spektakulärste Beispiel ist der Zusammenbruch des Guk-je
Konzerns 1985.
(11) vgl.
Moore 1987.
(12) Eine
weitere systematische Lohndifferenzierung ist nach wie vor diejenige
zwischen Männern und Frauen: im statistischen Durchschnitt
erreichen die Frauen immer noch nur gut 50 % der
Männerlöhne. Im übrigen deckt sich diese
Differenzierung nicht unbeträchtlich mit der zuvor genannten
nach Branchen und der Stellung des Betriebs im Produktionszyklus.
(13)
Während zwischen 1977 und 1980, in der Zeit der Saemaul Undong
(Neue Dorf Bewegung ist die offizielle Bezeichnung
für die großangelegte Modernisierungskampagne in der
Landwirtschaft) mit 1,5 Millionen ArbeiterInnen vergleichsweise
wenige aus dem ländlichen Bereich in die Industrie abgewandert
sind, schnellte diese Zahl zwischen 1982 und 1984 trotz der in diesen
Jahren stagnierenden Industriearbeiterlöhne auf 2,4 Millionen
hoch, eine direkte Folge der sich katstrophal verschlechternden
Einkommensverhältnisse der Bauern auf Grund einer grundlegenden
Liberalisierung des Agarmarkts. Der durchschnittliche Importzollsatz
wurde zwischen 19880 und 1989 von 33,2 auf 20,6 % gesenkt, und der
Anteil der nicht geschützten Agrarprodukte erhöhte sich
zwischen 1983 bis 1990 von 62,1 % auf 82,4 %. (Vgl. auch die Zahlen
über die Terms of Trade der Landwirtschaft sowie Relationen
zwischen landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen und Industrielöhnen
bei Park 1994, S.159).
(14) Der
Export von Arbeitskraft war seit den fünfziger Jahren zur
Entlastung des inländischen Arbeitsmarkts wie zur Verbesserung
der Zahlungsbilanz eingesetzt worden.
(15) Lucky
Goldstar Economic Research Institute.
(16) Das
erklärt die führende Rolle, die der Verband der kleinen und
mittleren Unternehmen bei dem Import von Arbeitskraft spielt.
(17) So
kommen aus China sehr viele Menschen koreanischer Abstammung und mit
koreanischen Sprachkenntnissen; die philippinischen Praktikanten
gelten ebenfalls als besonders fleißig und sprechen im
allgemeinen gut englisch.
(18) Heide, 1993b.
(19)
Inzwischen wird die Zahl der illegalen Vermittlungsbüros für
diesen Sektor des schwarzen Arbeitsmarkts auf über 200 geschätzt.
(20) Nach
Angaben des offiziellen koreanischen Gewerkschaftsverbands FKTU.
(21) Die
Tatsache, daß viele Herkunftsländer an dem
"Export" ihrer Arbeitsräfte interessiert sind, weil
sie dadurch einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer
Zahlungsbilanzdefizite ausgleichen können, ist hier nicht
Gegenstand der Betrachtung, beeinflußt gleichwohl die
Migrationsströme beträchtlich. Ein weiterer Aspekt ist der
brain drain, der mit den Migrationsströmen verbunden ist: Es
sind durchweg die Mobilsten und besser Ausgebildeten, die ihr
Glück in der Emigration suchen (vgl. dazu Prasai 1993).
(22) In China
beispielsweise werden umgerechnet bis zu 8000 DM für die
Vermittlung eines Jobs in Südkorea verlangt. Darin sind die
Kosten für Fahrt, Pass, Visum usw. sowie eine
"Sicherheit" von 4000 DM und Schmiergelder von etwa 1000 DM
enthalten. Für diesen Betrag müßte der Betreffende in
China etwa zehn Jahre arbeiten.
(23) In der
Regel behaltenen die Vermittlungsfirmen 10 % des Praktikantenentgelts
ein, wie der Ausländerbeauftragte der Demokratischen
Gewerkschaften berichtet.
(24) Das
Ministerium für Internationalen Handel und Industrie bezeichnet
das Praktikantenprogramm ausdrücklich als "kurfristige
Lösung" des Problems der knappen Arbeitskraft, das
Arbeitsministerium möchte die Beschäftigung von
Ausländern mit Rücksicht auf die ablehnende Haltung der
Gewerkschaften stark einschränken; der Verband der kleinen und
mittleren Unternehmen hat an dem Programm umgekehrt nur auszusetzen,
daß es bei weitem zu beschränkt sei (vgl. auch Newman
1995, 37).
(25) Die
Summe der kassierten Bußgelder betrug 1993 schon insgesamt 20
Millionen DM.
(26) Die
Frage des Verfassers, ob ausländische ArbeiterInnen
gegebenenfalls als Mitglieder in eine koreanische Gewerkschaft
aufgenommen würden, wurde noch 1994 anlässlich eines
Besuchs in Deutschland von führenden Vertretern demokratischer
Gewerkschaften verblüffenderweise mit dem Argument verneint,
daß das rechtlich nicht möglich sei. Seit dem
Gründungskongress des neuen Dachverbandes der Demokratischen
Gewerkschaften Minju Nochong im Herbst 1995 wurde jedoch ein Umdenken sichtbar.
(27) Das
offizielle Rentenalter ist in Korea mit 58 Jahren relativ niedrig, so
daß der Anteil der Älteren mit zunehmender Lebenserwartung
stark zugenommen hat.
(28) Die
Eltern verausgaben sich meist frühzeitig, um den Kindern eine
als notwendig erachtete teure Ausbildung zu gewährleisten, und
sind dann im Alter oft verschuldet. Dadurch fallen sie ihren
Söhnen und Schwiegertöchtern tatsächlich "zur
Last", die sich nach alter Tradition um die Eltern kümmern
müssen. Das betrifft insbesondere die Schwiegertöchter,
deren Berufstätigkeit dann nicht nur durch die Kinder, sondern
auch die Alten behindert wird.
(29)
Koreanische Unternehmen, die deutsche Maschinen wegen ihrer
Qualität im übrigen sehr schätzen, kritisieren diese
nur als "oftmals 'overenginered', etwa was deren ...
Sicherheitsvorkehrungen angeht" (Nachrichten für den
Außenhandel vom 19. 12. 94). Dieses Zitat bezieht sich
wohlgemerkt nicht auf marginale Sektoren, sondern auf moderne
Fabriken der Chaebol. Besonders unzureichend sind die
Arbeitsschutzvorkehrungen für über Fremdfirmen eingesetzte
Arbeiter. Mitte Februar dieses Jahres kamen bei einem Brand im Rumpf
eines Schiffsneubaus auf der Hanjin-Werft 15 Arbeiter einer
Fremdfirma ums Leben, weil die offizielle Werksfeuerwehr nicht
eingriff (Bericht der Gewerkschaftszeitung Nodongja Shinmun vom
23.2.95). Auch außerhalb der Werkstore erschüttern immer
neue Großunfälle die Öffentlichkeit (vgl. den Bericht
der Far Eastern Economic Review vom 11.5.95, S. 16).
(30) Eine
für viele Sozialforscher und Sozialpolitiker erschreckende
Erkenntnis, die sich auf neueste Untersuchungen stützt, ist
daß offenbar eine nicht unbedeutende Minderheit in der
Bevölkerung für die neue Gewaltkriminalität "Verständnis
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