Die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft hat für den Einzelnen wie für
die Gesellschaft zunehmend negative Folgen. "Arbeit ohne Ende" -
körperliche und psychische Erkrankungen der Betroffenen sind die Folge.
Arbeitssucht ist nicht mehr das zweifelhafte Privileg von Eliten, sondern
betrifft zunehmend und vorrangig auch Menschen in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen.
Was ist Arbeitssucht? Wie entsteht sie und was sind ihre historischen
Bedingungen? Wie und warum wird sie zum Massenphänomen? Welche
rechtlichen Grundlagen existieren für den Umgang mit Arbeitssucht als
Berufskrankheit? Welche Auswege sind möglich?
Die Beiträge dieses Buches stellen die historischen, ökonomischen,
politischen und auch persönlichen Aspekte dieser neuen Volkskrankheit dar
und schaffen damit einen umfassenden Einblick in die Bedeutung dieses Phänomens.
Gerade dieser interdisziplinäre Blick macht dieses Buch zu einem
wichtigen, aktuellen Grundlagenwerk, Arbeitssucht über die persönliche
Betroffenheit hinaus als gesellschaftliches Problem wahrzunehmen - und so
auch dem Einzelnen Wege aus der Krankheit zu ermöglichen.
Die AutorInnen des Buches:
Elvira Behnken, Suchtbeauftragte der Universität Bremen
Sergio Bologna, Prof. Dr., Politikwissenschaftlicher, Historiker, Milano
Holger Heide, Prof. Dr., Ökonomie, Institut SEARI, Uni Bremen
Su-Dol Kang, Prof. Dr., Managementwissenschaft, Korea-Uni Chochiwon,
Norbert Krischke, Dr., Psychologe, Uni Bremen
Stephan Meins, Dipl. Oek., Doktorand, Institut SEARI, Uni Bremen
Claus Oellerking, Studienrat, Suchthelfer Schulen, Reg.-Bez. Lüneburg
Lothar Peter, Prof. Dr., Arbeitssoziologe, Institut für Soziologie, Uni
Bremen
Karl-Heinz Roth, Dr. Dr., Historiker, Stiftung für Sozialgeschichte
des 20. Jahrhunderts, Bremen
Peter Stutz, Dipl. Oek., Dip. Soz., Gewerkschaftssekretär Angestellte, IG
Metall Bremen
Oliver Tieste, LL.M.EUR., Doktorand, Arbeitsrechtler, Uni Bremen
Roderich Wahsner, Prof. Dr., Arbeits- und Sozialrecht, Institut SEARI, Uni
Bremen
Sabine Wolf, Dr., sozialökonomische Genderforschung, Institut SEARI, Uni
Bremen
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Raul Zelik
Schmerz
über die Realität
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IDENTIFIKATION
MIT DEM SIEGER
Der Bremer Sozialökonom Holger Heide
hat das Phänomen Arbeitssucht untersucht.
Es war der trostlose Höhepunkt
eines trostlosen PDS-Wahlkampfs: »Arbeit soll das Land regieren«.
Und frei soll sie machen, war die naheliegende Assoziation, und
Fleiß und Disziplin könnte man auch wieder mehr Gewicht
beimessen.
Die Fetischisierung der Arbeit, schlimmer noch: der Lohnarbeit,
gehört zu den großen Erblasten der sozialistischen Bewegung. Lässt
sich die Idealisierung handwerklicher Kompetenz im 19. Jahrhundert
noch als Ausdruck eines erwachenden proletarischen
Selbstbewusstseins interpretieren, so verbietet sich seit dem
Nationalsozialismus jede positive Bezugnahme auf den
Arbeitsbegriff. Die gesellschaftliche Durchorganisierung im Rahmen
der Arbeitsfront, die Unterscheidung in »produktive« und »parasitäre«
Existenzen, die Huldigung »deutscher Leistungsfähigkeit«, die
Vernichtung von »ineffizientem« Leben und der millionenfache
Mord durch Zwangsarbeit folgen einem gemeinsamen Prinzip.
Doch der Nationalsozialismus ist nicht das einzige Beispiel, wie
Herrschaft und Arbeitsbegriff miteinander verknüpft sind.
Thompson und andere haben gezeigt, mit welcher Brutalität zu
Beginn der Industrialisierung vorgegangen wurde, um bäuerliche
Unterklassen in die neuen Arbeitsverhältnisse zu zwingen. Tatsächlich
wäre die Industrialisierung nirgends – auch in den sich heute
als zivilisiert definierenden Gesellschaften nicht – ohne
Zwangsarbeit, grausame Repression gegen die Arbeitsverweigerer und
den hunderttausendfachen Tod durch Erschöpfung möglich gewesen.
Selbst die Tatsache, dass diese Phase gewalttätiger Unterwerfung
in den Industriestaaten schließlich beendet wurde, hat weniger
mit einem wachsenden sozialen Bewusstsein im Kapitalismus zu tun
als vielmehr mit dem Entstehen eines Erziehungswesens, das schon
Kleinkinder zu Selbstdisziplinierung und Leistungsbereitschaft
dressiert. Konkurrenz, Versagensängste und Befriedigung durch
Erfolg werden im Verlauf dieser Erziehung so stark verinnerlicht,
dass niemand mehr mit Prügeln zur Arbeit getrieben werden muss.
Holger Heide, der in Bremen Sozialökonomie lehrt, beschäftigt
sich seit über 20 Jahren mit diesem Zusammenhang von Arbeit und
Herrschaft und ist dabei mittlerweile beim Thema Arbeitssucht
angelangt. Es lohnt, den von ihm dabei zurückgelegten Weg nach zu
verfolgen. Heides besonderes Augenmerk galt lange einem Land, in
dem die ursprüngliche Akkumulation erst Mitte des 20.
Jahrhunderts einsetzte: Südkorea. Mittlerweile dürfte sich
herumgesprochen haben, dass der Sprung vom Agrarstaat zur Tigerökonomie
nicht einem angeborenen ostasiatischen Fleiß, sondern der Militärdiktatur
von Park Chung Hee und einer ganz und gar nicht
freihandelsorientierten Planungspolitik der Regierung zu verdanken
war. Heide hat darüber hinaus jedoch zu erklären versucht, wie
die so genannte Entwicklungsdiktatur die kollektive
Bewusstseinsstruktur für das Wirtschaftswunder schuf. Er geht
dabei von der Frage aus, warum sich Menschen aktiv an der
Reproduktion von Verhältnissen beteiligen, die sie letztlich
immer weiter knechten und von ihren Bedürfnissen entfremden. Äußerer
Zwang, so Heide, könne nicht der einzige Grund für ein solches
Verhalten sein. Vielmehr müsse man untersuchen, wie Menschen
aufgezwungene Wertvorstellungen verinnerlichten und sich somit in
funktional handelnde Subjekte verwandelten.
Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage hat Heide in den
vergangenen Jahren auf Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie
zurückgegriffen. Diesen zufolge versuchen Kinder, die zu Opfern
sexuellen Missbrauchs werden, sich ihrer Ohnmacht durch »die
Identifikation mit dem Aggressor« zu entziehen. Der fremde Willen
wird zum eigenem gemacht und damit eine Teilhabe an der Allmacht
des Angreifers vorgetäuscht. Heide behauptet nun, dass auch
Gesellschaften häufig ähnlich reagierten, und bemüht sich dies
am Beispiel Südkoreas nachzuzeichnen. Der Krieg in den 50er
Jahren und die gewalttätige Unterwerfung der emanzipatorischen
Bewegungen (bis zum berüchtigten Kwangju-Massaker 1980) hätten
die Bevölkerung dazu gebracht, jene grauenvolle
Leistungsphilosophie zu übernehmen, für die die koreanische
Gesellschaft heute so berüchtigt ist (Stichworte: »Number
One-Ideologie«, »Tod durch Arbeit«). Da jedes Aufbegehren
sinnlos erschien, wäre der ohnmächtigen Bevölkerungsmehrheit
nichts geblieben als »die Introjektion des fremden Willens«.
Das Problem an solchen, kurzfristig funktionierenden Überlebensstrategien
sei jedoch, so Heide, dass sich die Opfer dauerhaft von »ihrem
Selbst« abtrennten und dabei Verhaltensmuster ausbildeten, die
immer stärker Zwangshandlungen glichen. Die Verdrängung eigener
Bedürfnisse (in diesem Fall durch die Identifikation mit einem
zerstörerischen Konkurrenz- und Leistungsprinzip) führe dazu,
dass der Umgang mit den eigenen Gefühlen immer angstbesetzter
werde: Man ist den eigenen Empfindungen nicht gewachsen und schütze
sich vor ihnen, indem man auf das antrainierte Verhaltensmuster
zurückgreift. Genau dies jedoch sei auch das wichtigste
Kennzeichen einer Suchtstruktur, denn: Sucht »drückt einen
Zustand aus, der als Zwang ... oder Getriebensein erlebt wird bei
der vergeblichen Suche, den Schmerz über die Realität, in der
wir leben, nicht zu spüren«. Eine derartige Flucht kann zum
Beispiel darin bestehen, in immer neuen Arbeitsaufgaben jene
Befriedigung zu suchen, die im zwischenmenschlichen, emotionalen
Dasein nicht gefunden wird.
Heide behauptet, dass Arbeitssucht in den Industriegesellschaften
längst zum Massenphänomen geworden sei. Dass über sie dennoch
wenig geredet werde, habe unter anderem damit zu tun, dass der ständig
aktive, nie abschaltende Manager als gesellschaftliches Ideal
gilt. Arbeitssucht sei eine Abhängigkeit, die nicht nur
akzeptiert, sondern sogar bewundert werde.
Tatsächlich dürften allen – vor allem den Protagonisten jener
Arbeitsverhältnisse, die die Hartz-Kommission in euphemistischem
Neusprech »Ich-AGs« getauft hat – jene Symptome bekannt sein,
die von den Anonymen Arbeitssüchtigen als Kennzeichen ihrer
Krankheit benannt werden: extreme, in immer längere
Selbstblockaden umschlagende Begeisterung für die Arbeit,
Ungeduld und sogar Aggressivität gegenüber »fauleren«
Mitmenschen, Versagensängste, permanenter Stress, Vernachlässigung
von nicht-funktionalen menschlichen Beziehungen.
Der von Heide aufgezeigte Zusammenhang ist erhellend. An der
Schnittstelle von Produktionsweise, Ideologie und Krankheit zeigt
sich, dass die in letzter Zeit wieder verstärkt eingeforderte »andere
mögliche Welt« nicht nur mit Verteilungsfragen zu tun hat. Auch
in den Wohlstandsgesellschaften breitet sich zerstörerisches
Elend aus, allerdings in anderer Form als man es aus den Ländern
des Südens kennt. Auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft wird
es auch darauf ankommen, unser ganz persönliches Verhältnis zu
Arbeit, Leistung, Mitmenschen und damit auch zu uns selbst auf den
Kopf zu stellen.
Holger Heide (Hg.): Massenphänomen
Arbeitssucht – historische Hintergründe und aktuelle
Entwicklung einer neuen Volkskrankheit, Atlantik,
Bremen 2002, 300 S., 15 EUR
Holger Heide (Hg.): Südkorea
– Bewegung in der Krise. Atlantik,
Bremen 2000, 247 S., 15 EUR
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Carola
Kleinschmidt:
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Workaholics - ein Massenphänomen? |
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In: PERSONALFÜHRUNG 9/2002 |
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Massenphänomen
Arbeitssucht
„Arbeitssucht wird zum Massenphänomen“, postuliert Holger
Heide, Professor für Volkswirtschaftslehre
an der Universität Bremen und Herausgeber des Buches
„Massenphänomen Arbeitssucht“. Der Sammelband fasst 13 Beiträge
zum Thema Arbeitssucht zusammen. Historiker äußern sich über
die Entwicklung der Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft,
Psychologen stellen die Probleme bei der Diagnose von Arbeitssucht
dar. Auch Arbeitssoziologen, Ökonomen, Arbeitsrechtler sowie ein
Experte aus der Gewerkschaft und der Suchtberatung kommen in dem
Buch zu Wort.
Der
Sammelband entstand im Anschluss an einen internationalen Workshop
mit dem Titel „Arbeitssucht
in der Arbeitsgesellschaft“, der 2001 am Institut für
sozialökonomische Handlungsforschung an der Universität Bremen
unter der Leitung von Holger Heide stattfand. Das Buch hat
insofern vor allem den Anspruch die gesellschaftliche Bedeutung
und Auswirkung des Phänomens Arbeitssucht sowie den Bedarf an
Forschung zu beleuchten. Eine Pionierarbeit.
Obwohl
Arbeitssucht in Deutschland seit über 30 Jahren bekannt ist, gibt
es keine offizielle medizinische Diagnose, keine spezifische
Therapie und nur wenige aussagekräftige empirische Untersuchungen
über Arbeitssüchtige. Die umfassendsten Untersuchungen zur
Psychologie der Arbeitssucht lieferte bisher der Bonner Psychologe
Dr. Stefan Poppelreuter. Doch die Medizin oder Volkswirtschaft
befasst sich so gut wie gar nicht mit dem Phänomen. Die
Forschungslage ist defizitär. In Unternehmen und
Personalabteilungen ist das Thema Arbeitssucht im Gegensatz zur
Alkoholsucht fast nicht existent. Diesem Erkenntnisdefizit wollen
Heide und seine Kollegen entgegenwirken. „Wir haben den
Anspruch, Erkenntnisse aus der Arbeitssoziologie und aus der
Suchtforschung zusammen zu bringen“, umreißt Holger Heide das
Ziel des Buches.
Das Buch
teilt sich in drei Abschnitte. Der Erste befasst sich mit der
historischen Entwicklung der Arbeitsgesellschaft und der
Arbeitssucht sowie mit der Psychologie der Arbeitssüchtigen. Der
zweite Teil zeigt den Zusammenhang zwischen den neuen flexiblen
Formen der Arbeit und Arbeitssucht mit Beispielen aus Deutschland,
Italien, Japan und Südkorea. Im dritten Abschnitt wird der Umgang
mit Arbeitssucht thematisiert.
Geschichte der Arbeitssucht
Der
Volkswirtschaftler Holger Heide beschreibt einleitend die
historische Entwicklung von der mittelalterlichen Gesellschaft zur
heutigen Arbeitsgesellschaft und kommt zu dem Schluss, dass
Arbeitssucht nicht nur eine individuelle Krankheit, sondern ein
gesellschaftliches Problem sei. Eine Voraussetzung für
Arbeitssucht liegt seines Erachtens nach in der heute üblichen
starken Identifizierung der Individuen mit ihrer Arbeit. Ein
relativ junges Phänomen. Noch im Mittelalter scheiterten
Versuche, Handwerker zu pünktlichen und disziplinierten
Lohnarbeitern zu erziehen. Erst in der heutigen Gesellschaft habe
man die rigide Arbeits- und Leistungsmoral verinnerlicht, erklärt
Heide. Arbeit dient der Selbstbestätigung. Damit wird Arbeit auch
als euphorisierendes oder betäubendes Suchtmittel einsetzbar.
Dabei will Heide das Rad der Zeit nicht in das Mittelalter zurück
drehen. Vielmehr will er auf die Rolle der Gesellschaft und
moderner Managementformen in Zusammenhang mit der wachsenden Zahl
Arbeitssüchtiger aufmerksam machen.
Bisher
galten vor allem Manager, Selbstständige oder Politiker als gefährdet,
weil ihr Markterfolg oder ihr Ansehen vom ständigen und unermüdlichen
Einsatz abhing. Mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit und dem
Wertewandel vom Acht-Stunden-Tag hin zur ergebnisorientierten
Projektarbeit vergrößert sich nach Ansicht Heides der Kreis der
Gefährdeten. „Gerade weil das neue Arbeitszeitmanagement an das
subjektive Interesse der unselbstständig Beschäftigten nach mehr
Selbstbestimmung anknüpft, erlaubt es darüber eine Steigerung
der Identifikation mit der Arbeit, in der Erwartung, dass das ein
Stück ersehnte Selbstständigkeit liefert“, erklärt Heide.
„Auf diese Weise wird die Arbeit von Vielen als Suchtmittel
einsetzbar.“ Insofern bezeichnet der Titel des Buches
„Massenphänomen Arbeitssucht“ die Tatsache, dass immer mehr
Arbeitsformen zu süchtigem Arbeiten verleiten.
Massenphänomen
Arbeitssucht?
In
Zahlen lässt sich ein „Massenphänomen“ dagegen (noch) nicht
beweisen, wie der Bremer Arbeitssoziologe Lothar Peter in seinem
Beitrag „Neue Formen der Arbeit. Arbeitskraftunternehmer und
Arbeitssucht“ aufzeigt. Arbeitssucht sei in erster Linie ein
Problem derjenigen Beschäftigungsgruppen, die in neuen
Arbeitsformen arbeiten und ausgeprägte Züge des
Arbeitskraftunternehmers (AKU) aufweisen, grenzt Peter den gefährdeten
Personenkreis ein. Den Arbeitskraftunternehmer zeichnet dabei aus,
dass er sich persönlich für die Ergebnisse seiner Arbeit
verantwortlich fühlt. Dies macht ihn anfällig für süchtiges
Arbeiten. Peter zitiert eine Befragung von Mitarbeitern im Konzern
IBM, die zeigte, dass vor allem Mitarbeiter in Projekt- und
Teamzusammenhängen Symptome von Arbeitssucht von
Arbeitsfanatismus bis zur Depression zeigten.
Doch die
Zahl der AKU - und damit die der Suchtgefährdeten - ist begrenzt:
„Ihre Zahl, die gegenwärtig auf eine Million geschätzt wird,
ist zweifellos im Wachsen begriffen, dürfte aber noch für längere
Zeit nur eine Minderheit aller Erwerbstätigen umfassen“, glaubt
der Arbeitssoziologe Peter.
Aufgrund
der gesellschaftlichen Dimension der Arbeitssucht fordert Peter
trotzdem entscheidende Schritte zur Bekämpfung. Individuelle
Therapien reichen dazu seines Erachtens nicht, sondern man braucht
auch neue Formen arbeitspolitischer Regulierung des Gebrauchs von
Arbeitskraft. „Sie müssen sich auf die Methoden der
‚indirekten Steuerung’, auf die Elemente von
Zielvereinbarungen, auf betriebliche Qualifizierungsmaßnahmen und
die Unterscheidbarkeit von Berufsarbeit und privater Lebensführung
beziehen“, erläutert Peter. Seiner Ansicht nach sollte
Arbeitssuchtprävention sogar Thema bei Tarifverhandlungen und
Teil von Betriebsvereinbarungen sein. Das setzt allerdings voraus,
dass die Unternehmensführung ein Bewusstsein für das Problem
entwickelt und die Betroffenen die Symptome von Arbeitssucht
selbst als Leidensdruck artikulieren und politisieren. Bisher gibt
es jedoch so gut wie keine Diskussion über Arbeitssucht im
Berufsleben oder Arbeitssuchtprävention am Arbeitsplatz.
Welches
Ausmaß Arbeitssucht annehmen kann, zeigt der eindringliche Text
über „Karoshi“ (Arbeitstod) in Japan, den der Bremer
Arbeitsrechtler Roderich Wahsner verfasste. Karoshi, der Tod durch
Überarbeitung, wird in Japan inzwischen auf 20 000 Todesfälle
pro Jahr beziffert. Die Regierung hat unter dem Druck der
Gewerkschaften damit begonnen, Karoshi grundsätzlich als
arbeitsbedingtes Risiko anzuerkennen. Im Fokus der gesundheits-
und sozialpolitischen Maßnahmen ggen Karoshi stehen die Einschränkung
der auf Flexibilisierung zielenden Beschäftigungsstrategien, die
Politik der Deregulierung und die überlangen Arbeitszeiten.
Ob das Phänomen
Arbeitssucht in Zukunft in der deutschen Politik und Wirtschaft stärker
diskutiert wird, können die Autoren nicht sagen. Noch fehlen die
strukturellen, medizinischen und arbeitsrechtlichen
Voraussetzungen: Der Arbeitsrechtler Oliver Tieste legt in seinem
Beitrag „Arbeitssucht als Berufskrankheit“ dar, warum
Arbeitssucht und ihre Folgen in Deutschland nicht als
Berufskrankheit gelten. Der Psychologe Norbert Krischke gibt zu
bedenken, dass „Arbeitssucht in unserer Gesellschaft zu einer
latenten Krankheit wird“, die auch nicht statistisch erfasst
werden kann, weil die Diagnose Arbeitssucht nicht im
Klassifikationssystem der Krankenkassen aufgeführt wird.
Fazit
Interessant
ist der Sammelbandes vor allem deswegen, weil er das Phänomen
Arbeitssucht erstmals nicht nur aus psychologischer Sicht, sondern
aus verschiedenen Blickwinkeln der Arbeitswelt betrachtet. Die
teilweise provokanten Thesen der Autoren rücken die Sucht aus der
Ecke der individuellen Krankheit in das Rampenlicht der heutigen
Arbeitsgesellschaft und zeigen, dass weitaus mehr Beschäftigte
gefährdet sind, als man annehmen würde und die Auswirkungen für
Unternehmen und die Gesellschaft bedeutsam sind. Diese
Pionierarbeit lässt auch darüber hinweg blicken, dass die Beiträge
sich auf recht unterschiedlichem Niveau bewegen. Manche steigen
sehr tief und differenziert in die Materie ein, andere bleiben an
der Oberfläche. Die Literaturlisten am Ende jedes Artikels
liefern jedoch wertvolle Informationen über weiterführende
Literatur zum Thema. Insofern ist das Buch für alle lesenswert,
die sich mit den Ursachen und Auswirkungen von Arbeitssucht beschäftigen
möchten.
Holger
Heide (Hrsg.): Massenphänomen
Arbeitssucht. Historische
Hintergründe und aktuelle Bedeutung einer neuen Volkskrankheit.
Atlantik Verlag, Bremen, 300 Seiten, 15.00 Euro, 2002, ISBN
3-926529-36-9
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Zur
Erklärung:
Was ist
Arbeitssucht?
Das
Problem im Diskurs über die Arbeitssucht beginnt bereits bei der
Definition. Nicht jeder, der viel arbeitet, ist automatisch
arbeitssüchtig. Vielmehr geht es – wie bei allen
nichtstofflichen Süchten – bei der Arbeitssucht um die
psychische Abhängigkeit. „Arbeitssucht ist ein zwanghafter
Umgang mit Arbeit. Dieser ist zu vergleichen mit dem Umgang des
Alkoholikers mit Alkohol“, definieren die Anonymen Arbeitssüchtigen
die krankhafte Abhängigkeit von Arbeit. Wie beim Alkoholiker muss
die Dosis der Droge immer weiter erhöht werden, die Abstände
zwischen den Arbeitsphasen werden immer kleiner, und alle Gedanken
kreisen nur noch um das Arbeiten. Dabei entscheidet nicht die Zahl
der Arbeitsstunden darüber, ob ein Mensch arbeitssüchtig ist
oder nicht, sondern allein die emotionale Abhängigkeit.
Arbeitssucht hat viele Gesichter. Es gibt den typischen
Managertypen, der rund um die Uhr arbeitet, weil er nicht
delegieren kann und denkt, die Firma käme ohne ihn nicht aus. Es
gibt aber auch den überforderten Büroangestellten, der sich auf
keinen Fall einen Fehler zuschulden kommen lassen möchte und
deshalb jede Akte mehrfach liest und vieles am Wochenende zu Hause
erledigt. Mit fortschreitender Sucht steigern sich die Symptome
von Erschöpfungszuständen zu Blackouts oder Alkoholmissbrauch
bis hin zum Herzinfarkt.
Häufig
wird die Arbeitssucht erst sehr spät entdeckt. Zu groß ist die
Akzeptanz von Vielarbeit und die eigene Ignoranz. „Zu uns kommt
keiner wegen Arbeitssucht“, weiß Dr. Horst Esslinger, Chefarzt
der Hochgrat-Klinik in Wolfsried, die seit Jahren Arbeitssüchtige
behandelt. Meist kommen die Patienten wegen Ängsten,
Schlaflosigkeit, plötzlich aufgetretenen Allergien, Depressionen
oder einem Herzinfarkt in die Klinik. Erst im Laufe der Behandlung
stellen die Ärzte eine krankhafte Abhängigkeit von Arbeit fest.
Therapien und Selbsthilfegruppen können den Süchtigen auf dem
Weg aus der Sucht unterstützen und ihm helfen, ein „normales“
Verhältnis zur Arbeit zu erlernen, das ihm nicht gesundheitlich
schadet.
|
Prof.
Dr. H.-J. Appelrath
Universität Oldenburg |
FB
Informatik, Escherweg 2
26121 Oldenburg |
| http.://www-is.informatik.uni-oldenburg.de |
|
...
zum Thema "Arbeitssucht" mit Interesse gelesen.
Mich
wundert, dass Sie ohne erkennbare empirische Absicherung von einem
"Massenphänomen" sprechen. Meine Wahrnehmung ist eher
die, dass dies eine Randgruppe
ist (natürlich verdient diese Aufmerksamkeit und eine Betreuung und
Besserung ihrer Situation). Viel gravierender und eher ein
Massenphänomen scheint mir eine "Arbeitsdistanz" bis
hin zur Faulheit zu sein, begleitet von den Medien, die z.B. im
Rundfunk spätestens ab Donnerstag die arbeitende Bevölkerung zum
Durchhalten bis zum Wochenende ermuntert, da Freizeit das einzig
Erlebenswerte in unserer Gesellschaft sei.
Zumindest eine solche Relativierung hätte ich mir daher in Ihrem
Beitrag gewünscht, um den Blick nicht zu verstellen.
Gruss
nach HB,
HJA
|
| Junge
Welt |
10.02.03 |
| Kontrollverlust
des Tages
Arbeitssucht
Soziologie ist, wenn man trotzdem
lacht. Während sich die aktuelle Arbeitslosenzahl in Deutschland
(4,5 Millionen) den Rekordmarken der Weimarer Republik nähert,
wartet der Bremer Sozialwissenschaftler Holger Heide mit der
neuesten Zivilisationskrankheit auf: Hilfe, die Deutschen sind
arbeitssüchtig! Eine echte Luxusdroge, wird doch anderswo n der
Soziologie behauptet, das Arbeitsparadigma könnte man getrost
vergessen.
Nach Heide breitet sich die Arbeitssucht "wie eine
Epidemie" aus. Ungefähr eine Million Menschen mit Arbeit
seien davon betroffen, besonders Selbständige, Lehrer (hört,
hört!), Journalisten und Angestellte außerhalb der Chefetage.
Chefs arbeiten also nie, deshalb haben sie auch soviel Stress.
Die Untergebenen kämpften mit immer mehr Eigenverantwortung und
den verflixten Arbeitszeiten und bekämen davon
Herz-Kreislaufstörungen, Magenprobleme, Rückenleiden, manche
richteten sich sogar selbst.
Ihnen allen empfiehlt Heide den Kontakt mit Gruppen wie den
"Anonymen Arbeitssüchtigen". Besser wäre ein Satz
heißer Ohren, damit sie wissen, warum sie heulen. Oder wenn man
es ganz genau wissen möchte: Eine soziologische Untersuchung
über Forschungsprojekte an Massenuniversitäten hinsichtlich der
Frage, was noch alles untersucht werden sollte, bis irgendwann
endlich mal Ruhe einkehrt und keiner mehr glaubt, etwas
verwissenschaftlichen zu müssen. (cm)
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