Heide, Holger (Hrsg.)
Massenphänomen Arbeitssucht
Historische Hintergründe und aktuelle Bedeutung einer neuen Volkskrankheit

2. Aufl.

300 Seiten, br.
15.00 Eur -27.00 sFr  sFr ISBN 3-926529-36-9
Atlantik Verlag, Bremen.

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Rezensionen

Kurzkommentare


Die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft hat für den Einzelnen wie für die Gesellschaft zunehmend negative Folgen. "Arbeit ohne Ende" - körperliche und psychische Erkrankungen der Betroffenen sind die Folge.
Arbeitssucht ist nicht mehr das zweifelhafte Privileg von Eliten, sondern betrifft zunehmend und vorrangig auch Menschen in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen.

Was ist Arbeitssucht? Wie entsteht sie und was sind ihre historischen Bedingungen? Wie und warum wird sie zum Massenphänomen? Welche rechtlichen Grundlagen existieren für den Umgang mit Arbeitssucht als Berufskrankheit? Welche Auswege sind möglich?

Die Beiträge dieses Buches stellen die historischen, ökonomischen, politischen und auch persönlichen Aspekte dieser neuen Volkskrankheit dar und schaffen damit einen umfassenden Einblick in die Bedeutung dieses Phänomens. Gerade dieser interdisziplinäre Blick macht dieses Buch zu einem wichtigen, aktuellen Grundlagenwerk, Arbeitssucht über die persönliche Betroffenheit hinaus als gesellschaftliches Problem wahrzunehmen - und so auch dem Einzelnen Wege aus der Krankheit zu ermöglichen.

Die AutorInnen des Buches:
Elvira Behnken, Suchtbeauftragte der Universität Bremen
Sergio Bologna, Prof. Dr., Politikwissenschaftlicher, Historiker, Milano
Holger Heide, Prof. Dr., Ökonomie, Institut SEARI, Uni Bremen
Su-Dol Kang, Prof. Dr., Managementwissenschaft, Korea-Uni Chochiwon,
Norbert Krischke, Dr., Psychologe, Uni Bremen
Stephan Meins, Dipl. Oek., Doktorand, Institut SEARI, Uni Bremen
Claus Oellerking, Studienrat, Suchthelfer Schulen, Reg.-Bez. Lüneburg
Lothar Peter, Prof. Dr., Arbeitssoziologe, Institut für Soziologie, Uni Bremen
Karl-Heinz Roth, Dr. Dr., Historiker, Stiftung für Sozialgeschichte
des 20. Jahrhunderts, Bremen
Peter Stutz, Dipl. Oek., Dip. Soz., Gewerkschaftssekretär Angestellte, IG Metall Bremen
Oliver Tieste, LL.M.EUR., Doktorand, Arbeitsrechtler, Uni Bremen
Roderich Wahsner, Prof. Dr., Arbeits- und Sozialrecht, Institut SEARI, Uni Bremen
Sabine Wolf, Dr., sozialökonomische Genderforschung, Institut SEARI, Uni Bremen


Rezensionen

Freitag: Die Ost-West-Wochenzeitung  03

10. Januar 2003


  

Raul Zelik

Schmerz über die Realität

  






IDENTIFIKATION MIT DEM SIEGER*

Der Bremer Sozialökonom Holger Heide hat das Phänomen Arbeitssucht untersucht.

Es war der trostlose Höhepunkt eines trostlosen PDS-Wahlkampfs: »Arbeit soll das Land regieren«. Und frei soll sie machen, war die naheliegende Assoziation, und Fleiß und Disziplin könnte man auch wieder mehr Gewicht beimessen.

Die Fetischisierung der Arbeit, schlimmer noch: der Lohnarbeit, gehört zu den großen Erblasten der sozialistischen Bewegung. Lässt sich die Idealisierung handwerklicher Kompetenz im 19. Jahrhundert noch als Ausdruck eines erwachenden proletarischen Selbstbewusstseins interpretieren, so verbietet sich seit dem Nationalsozialismus jede positive Bezugnahme auf den Arbeitsbegriff. Die gesellschaftliche Durchorganisierung im Rahmen der Arbeitsfront, die Unterscheidung in »produktive« und »parasitäre« Existenzen, die Huldigung »deutscher Leistungsfähigkeit«, die Vernichtung von »ineffizientem« Leben und der millionenfache Mord durch Zwangsarbeit folgen einem gemeinsamen Prinzip.

Doch der Nationalsozialismus ist nicht das einzige Beispiel, wie Herrschaft und Arbeitsbegriff miteinander verknüpft sind. Thompson und andere haben gezeigt, mit welcher Brutalität zu Beginn der Industrialisierung vorgegangen wurde, um bäuerliche Unterklassen in die neuen Arbeitsverhältnisse zu zwingen. Tatsächlich wäre die Industrialisierung nirgends – auch in den sich heute als zivilisiert definierenden Gesellschaften nicht – ohne Zwangsarbeit, grausame Repression gegen die Arbeitsverweigerer und den hunderttausendfachen Tod durch Erschöpfung möglich gewesen. Selbst die Tatsache, dass diese Phase gewalttätiger Unterwerfung in den Industriestaaten schließlich beendet wurde, hat weniger mit einem wachsenden sozialen Bewusstsein im Kapitalismus zu tun als vielmehr mit dem Entstehen eines Erziehungswesens, das schon Kleinkinder zu Selbstdisziplinierung und Leistungsbereitschaft dressiert. Konkurrenz, Versagensängste und Befriedigung durch Erfolg werden im Verlauf dieser Erziehung so stark verinnerlicht, dass niemand mehr mit Prügeln zur Arbeit getrieben werden muss.

Holger Heide, der in Bremen Sozialökonomie lehrt, beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit diesem Zusammenhang von Arbeit und Herrschaft und ist dabei mittlerweile beim Thema Arbeitssucht angelangt. Es lohnt, den von ihm dabei zurückgelegten Weg nach zu verfolgen. Heides besonderes Augenmerk galt lange einem Land, in dem die ursprüngliche Akkumulation erst Mitte des 20. Jahrhunderts einsetzte: Südkorea. Mittlerweile dürfte sich herumgesprochen haben, dass der Sprung vom Agrarstaat zur Tigerökonomie nicht einem angeborenen ostasiatischen Fleiß, sondern der Militärdiktatur von Park Chung Hee und einer ganz und gar nicht freihandelsorientierten Planungspolitik der Regierung zu verdanken war. Heide hat darüber hinaus jedoch zu erklären versucht, wie die so genannte Entwicklungsdiktatur die kollektive Bewusstseinsstruktur für das Wirtschaftswunder schuf. Er geht dabei von der Frage aus, warum sich Menschen aktiv an der Reproduktion von Verhältnissen beteiligen, die sie letztlich immer weiter knechten und von ihren Bedürfnissen entfremden. Äußerer Zwang, so Heide, könne nicht der einzige Grund für ein solches Verhalten sein. Vielmehr müsse man untersuchen, wie Menschen aufgezwungene Wertvorstellungen verinnerlichten und sich somit in funktional handelnde Subjekte verwandelten.

Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage hat Heide in den vergangenen Jahren auf Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie zurückgegriffen. Diesen zufolge versuchen Kinder, die zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden, sich ihrer Ohnmacht durch »die Identifikation mit dem Aggressor« zu entziehen. Der fremde Willen wird zum eigenem gemacht und damit eine Teilhabe an der Allmacht des Angreifers vorgetäuscht. Heide behauptet nun, dass auch Gesellschaften häufig ähnlich reagierten, und bemüht sich dies am Beispiel Südkoreas nachzuzeichnen. Der Krieg in den 50er Jahren und die gewalttätige Unterwerfung der emanzipatorischen Bewegungen (bis zum berüchtigten Kwangju-Massaker 1980) hätten die Bevölkerung dazu gebracht, jene grauenvolle Leistungsphilosophie zu übernehmen, für die die koreanische Gesellschaft heute so berüchtigt ist (Stichworte: »Number One-Ideologie«, »Tod durch Arbeit«). Da jedes Aufbegehren sinnlos erschien, wäre der ohnmächtigen Bevölkerungsmehrheit nichts geblieben als »die Introjektion des fremden Willens«.

Das Problem an solchen, kurzfristig funktionierenden Überlebensstrategien sei jedoch, so Heide, dass sich die Opfer dauerhaft von »ihrem Selbst« abtrennten und dabei Verhaltensmuster ausbildeten, die immer stärker Zwangshandlungen glichen. Die Verdrängung eigener Bedürfnisse (in diesem Fall durch die Identifikation mit einem zerstörerischen Konkurrenz- und Leistungsprinzip) führe dazu, dass der Umgang mit den eigenen Gefühlen immer angstbesetzter werde: Man ist den eigenen Empfindungen nicht gewachsen und schütze sich vor ihnen, indem man auf das antrainierte Verhaltensmuster zurückgreift. Genau dies jedoch sei auch das wichtigste Kennzeichen einer Suchtstruktur, denn: Sucht »drückt einen Zustand aus, der als Zwang ... oder Getriebensein erlebt wird bei der vergeblichen Suche, den Schmerz über die Realität, in der wir leben, nicht zu spüren«. Eine derartige Flucht kann zum Beispiel darin bestehen, in immer neuen Arbeitsaufgaben jene Befriedigung zu suchen, die im zwischenmenschlichen, emotionalen Dasein nicht gefunden wird.

Heide behauptet, dass Arbeitssucht in den Industriegesellschaften längst zum Massenphänomen geworden sei. Dass über sie dennoch wenig geredet werde, habe unter anderem damit zu tun, dass der ständig aktive, nie abschaltende Manager als gesellschaftliches Ideal gilt. Arbeitssucht sei eine Abhängigkeit, die nicht nur akzeptiert, sondern sogar bewundert werde.

Tatsächlich dürften allen – vor allem den Protagonisten jener Arbeitsverhältnisse, die die Hartz-Kommission in euphemistischem Neusprech »Ich-AGs« getauft hat – jene Symptome bekannt sein, die von den Anonymen Arbeitssüchtigen als Kennzeichen ihrer Krankheit benannt werden: extreme, in immer längere Selbstblockaden umschlagende Begeisterung für die Arbeit, Ungeduld und sogar Aggressivität gegenüber »fauleren« Mitmenschen, Versagensängste, permanenter Stress, Vernachlässigung von nicht-funktionalen menschlichen Beziehungen.

Der von Heide aufgezeigte Zusammenhang ist erhellend. An der Schnittstelle von Produktionsweise, Ideologie und Krankheit zeigt sich, dass die in letzter Zeit wieder verstärkt eingeforderte »andere mögliche Welt« nicht nur mit Verteilungsfragen zu tun hat. Auch in den Wohlstandsgesellschaften breitet sich zerstörerisches Elend aus, allerdings in anderer Form als man es aus den Ländern des Südens kennt. Auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft wird es auch darauf ankommen, unser ganz persönliches Verhältnis zu Arbeit, Leistung, Mitmenschen und damit auch zu uns selbst auf den Kopf zu stellen.

Holger Heide (Hg.): Massenphänomen Arbeitssucht – historische Hintergründe und aktuelle Entwicklung einer neuen Volkskrankheit, Atlantik, Bremen 2002, 300 S., 15 EUR
Holger Heide (Hg.): Südkorea – Bewegung in der Krise. Atlantik, Bremen 2000, 247 S., 15 EUR

 


 

Carola Kleinschmidt: 

Workaholics - ein Massenphänomen? 
In: PERSONALFÜHRUNG 9/2002  

Massenphänomen Arbeitssucht

 „Arbeitssucht wird zum Massenphänomen“, postuliert Holger Heide, Professor für  Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen und Herausgeber des Buches „Massenphänomen Arbeitssucht“. Der Sammelband fasst 13 Beiträge zum Thema Arbeitssucht zusammen. Historiker äußern sich über die Entwicklung der Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft, Psychologen stellen die Probleme bei der Diagnose von Arbeitssucht dar. Auch Arbeitssoziologen, Ökonomen, Arbeitsrechtler sowie ein Experte aus der Gewerkschaft und der Suchtberatung kommen in dem Buch zu Wort. 

Der Sammelband entstand im Anschluss an einen internationalen Workshop mit dem Titel „Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft“, der 2001 am Institut für sozialökonomische Handlungsforschung an der Universität Bremen unter der Leitung von Holger Heide stattfand. Das Buch hat insofern vor allem den Anspruch die gesellschaftliche Bedeutung und Auswirkung des Phänomens Arbeitssucht sowie den Bedarf an Forschung zu beleuchten. Eine Pionierarbeit. 

Obwohl Arbeitssucht in Deutschland seit über 30 Jahren bekannt ist, gibt es keine offizielle medizinische Diagnose, keine spezifische Therapie und nur wenige aussagekräftige empirische Untersuchungen über Arbeitssüchtige. Die umfassendsten Untersuchungen zur Psychologie der Arbeitssucht lieferte bisher der Bonner Psychologe Dr. Stefan Poppelreuter. Doch die Medizin oder Volkswirtschaft befasst sich so gut wie gar nicht mit dem Phänomen. Die Forschungslage ist defizitär. In Unternehmen und Personalabteilungen ist das Thema Arbeitssucht im Gegensatz zur Alkoholsucht fast nicht existent. Diesem Erkenntnisdefizit wollen Heide und seine Kollegen entgegenwirken. „Wir haben den Anspruch, Erkenntnisse aus der Arbeitssoziologie und aus der Suchtforschung zusammen zu bringen“, umreißt Holger Heide das Ziel des Buches. 

Das Buch teilt sich in drei Abschnitte. Der Erste befasst sich mit der historischen Entwicklung der Arbeitsgesellschaft und der Arbeitssucht sowie mit der Psychologie der Arbeitssüchtigen. Der zweite Teil zeigt den Zusammenhang zwischen den neuen flexiblen Formen der Arbeit und Arbeitssucht mit Beispielen aus Deutschland, Italien, Japan und Südkorea. Im dritten Abschnitt wird der Umgang mit Arbeitssucht thematisiert. 

Geschichte der Arbeitssucht

Der Volkswirtschaftler Holger Heide beschreibt einleitend die historische Entwicklung von der mittelalterlichen Gesellschaft zur heutigen Arbeitsgesellschaft und kommt zu dem Schluss, dass Arbeitssucht nicht nur eine individuelle Krankheit, sondern ein gesellschaftliches Problem sei. Eine Voraussetzung für Arbeitssucht liegt seines Erachtens nach in der heute üblichen starken Identifizierung der Individuen mit ihrer Arbeit. Ein relativ junges Phänomen. Noch im Mittelalter scheiterten Versuche, Handwerker zu pünktlichen und disziplinierten Lohnarbeitern zu erziehen. Erst in der heutigen Gesellschaft habe man die rigide Arbeits- und Leistungsmoral verinnerlicht, erklärt Heide. Arbeit dient der Selbstbestätigung. Damit wird Arbeit auch als euphorisierendes oder betäubendes Suchtmittel einsetzbar. Dabei will Heide das Rad der Zeit nicht in das Mittelalter zurück drehen. Vielmehr will er auf die Rolle der Gesellschaft und moderner Managementformen in Zusammenhang mit der wachsenden Zahl Arbeitssüchtiger aufmerksam machen. 

Bisher galten vor allem Manager, Selbstständige oder Politiker als gefährdet, weil ihr Markterfolg oder ihr Ansehen vom ständigen und unermüdlichen Einsatz abhing. Mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit und dem Wertewandel vom Acht-Stunden-Tag hin zur ergebnisorientierten Projektarbeit vergrößert sich nach Ansicht Heides der Kreis der Gefährdeten. „Gerade weil das neue Arbeitszeitmanagement an das subjektive Interesse der unselbstständig Beschäftigten nach mehr Selbstbestimmung anknüpft, erlaubt es darüber eine Steigerung der Identifikation mit der Arbeit, in der Erwartung, dass das ein Stück ersehnte Selbstständigkeit liefert“, erklärt Heide. „Auf diese Weise wird die Arbeit von Vielen als Suchtmittel einsetzbar.“ Insofern bezeichnet der Titel des Buches „Massenphänomen Arbeitssucht“ die Tatsache, dass immer mehr Arbeitsformen zu süchtigem Arbeiten verleiten. 

Massenphänomen Arbeitssucht?

 In Zahlen lässt sich ein „Massenphänomen“ dagegen (noch) nicht beweisen, wie der Bremer Arbeitssoziologe Lothar Peter in seinem Beitrag „Neue Formen der Arbeit. Arbeitskraftunternehmer und Arbeitssucht“ aufzeigt. Arbeitssucht sei in erster Linie ein Problem derjenigen Beschäftigungsgruppen, die in neuen Arbeitsformen arbeiten und ausgeprägte Züge des Arbeitskraftunternehmers (AKU) aufweisen, grenzt Peter den gefährdeten Personenkreis ein. Den Arbeitskraftunternehmer zeichnet dabei aus, dass er sich persönlich für die Ergebnisse seiner Arbeit verantwortlich fühlt. Dies macht ihn anfällig für süchtiges Arbeiten. Peter zitiert eine Befragung von Mitarbeitern im Konzern IBM, die zeigte, dass vor allem Mitarbeiter in Projekt- und Teamzusammenhängen Symptome von Arbeitssucht von Arbeitsfanatismus bis zur Depression zeigten. 

Doch die Zahl der AKU - und damit die der Suchtgefährdeten - ist begrenzt: „Ihre Zahl, die gegenwärtig auf eine Million geschätzt wird, ist zweifellos im Wachsen begriffen, dürfte aber noch für längere Zeit nur eine Minderheit aller Erwerbstätigen umfassen“, glaubt der Arbeitssoziologe Peter. 

Aufgrund der gesellschaftlichen Dimension der Arbeitssucht fordert Peter trotzdem entscheidende Schritte zur Bekämpfung. Individuelle Therapien reichen dazu seines Erachtens nicht, sondern man braucht auch neue Formen arbeitspolitischer Regulierung des Gebrauchs von Arbeitskraft. „Sie müssen sich auf die Methoden der ‚indirekten Steuerung’, auf die Elemente von Zielvereinbarungen, auf betriebliche Qualifizierungsmaßnahmen und die Unterscheidbarkeit von Berufsarbeit und privater Lebensführung beziehen“, erläutert Peter. Seiner Ansicht nach sollte Arbeitssuchtprävention sogar Thema bei Tarifverhandlungen und Teil von Betriebsvereinbarungen sein. Das setzt allerdings voraus, dass die Unternehmensführung ein Bewusstsein für das Problem entwickelt und die Betroffenen die Symptome von Arbeitssucht selbst als Leidensdruck artikulieren und politisieren. Bisher gibt es jedoch so gut wie keine Diskussion über Arbeitssucht im Berufsleben oder Arbeitssuchtprävention am Arbeitsplatz. 

Welches Ausmaß Arbeitssucht annehmen kann, zeigt der eindringliche Text über „Karoshi“ (Arbeitstod) in Japan, den der Bremer Arbeitsrechtler Roderich Wahsner verfasste. Karoshi, der Tod durch Überarbeitung, wird in Japan inzwischen auf 20 000 Todesfälle pro Jahr beziffert. Die Regierung hat unter dem Druck der Gewerkschaften damit begonnen, Karoshi grundsätzlich als arbeitsbedingtes Risiko anzuerkennen. Im Fokus der gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen ggen Karoshi stehen die Einschränkung der auf Flexibilisierung zielenden Beschäftigungsstrategien, die Politik der Deregulierung und die überlangen Arbeitszeiten. 

Ob das Phänomen Arbeitssucht in Zukunft in der deutschen Politik und Wirtschaft stärker diskutiert wird, können die Autoren nicht sagen. Noch fehlen die strukturellen, medizinischen und arbeitsrechtlichen Voraussetzungen: Der Arbeitsrechtler Oliver Tieste legt in seinem Beitrag „Arbeitssucht als Berufskrankheit“ dar, warum Arbeitssucht und ihre Folgen in Deutschland nicht als Berufskrankheit gelten. Der Psychologe Norbert Krischke gibt zu bedenken, dass „Arbeitssucht in unserer Gesellschaft zu einer latenten Krankheit wird“, die auch nicht statistisch erfasst werden kann, weil die Diagnose Arbeitssucht nicht im Klassifikationssystem der Krankenkassen aufgeführt wird. 

Fazit

Interessant ist der Sammelbandes vor allem deswegen, weil er das Phänomen Arbeitssucht erstmals nicht nur aus psychologischer Sicht, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln der Arbeitswelt betrachtet. Die teilweise provokanten Thesen der Autoren rücken die Sucht aus der Ecke der individuellen Krankheit in das Rampenlicht der heutigen Arbeitsgesellschaft und zeigen, dass weitaus mehr Beschäftigte gefährdet sind, als man annehmen würde und die Auswirkungen für Unternehmen und die Gesellschaft bedeutsam sind. Diese Pionierarbeit lässt auch darüber hinweg blicken, dass die Beiträge sich auf recht unterschiedlichem Niveau bewegen. Manche steigen sehr tief und differenziert in die Materie ein, andere bleiben an der Oberfläche. Die Literaturlisten am Ende jedes Artikels liefern jedoch wertvolle Informationen über weiterführende Literatur zum Thema. Insofern ist das Buch für alle lesenswert, die sich mit den Ursachen und Auswirkungen von Arbeitssucht beschäftigen möchten.

Holger Heide (Hrsg.): Massenphänomen Arbeitssucht. Historische Hintergründe und aktuelle Bedeutung einer neuen Volkskrankheit. Atlantik Verlag, Bremen, 300 Seiten, 15.00 Euro, 2002, ISBN 3-926529-36-9

 

Zur Erklärung:

Was ist Arbeitssucht?

Das Problem im Diskurs über die Arbeitssucht beginnt bereits bei der Definition. Nicht jeder, der viel arbeitet, ist automatisch arbeitssüchtig. Vielmehr geht es – wie bei allen nichtstofflichen Süchten – bei der Arbeitssucht um die psychische Abhängigkeit. „Arbeitssucht ist ein zwanghafter Umgang mit Arbeit. Dieser ist zu vergleichen mit dem Umgang des Alkoholikers mit Alkohol“, definieren die Anonymen Arbeitssüchtigen die krankhafte Abhängigkeit von Arbeit. Wie beim Alkoholiker muss die Dosis der Droge immer weiter erhöht werden, die Abstände zwischen den Arbeitsphasen werden immer kleiner, und alle Gedanken kreisen nur noch um das Arbeiten. Dabei entscheidet nicht die Zahl der Arbeitsstunden darüber, ob ein Mensch arbeitssüchtig ist oder nicht, sondern allein die emotionale Abhängigkeit. Arbeitssucht hat viele Gesichter. Es gibt den typischen Managertypen, der rund um die Uhr arbeitet, weil er nicht delegieren kann und denkt, die Firma käme ohne ihn nicht aus. Es gibt aber auch den überforderten Büroangestellten, der sich auf keinen Fall einen Fehler zuschulden kommen lassen möchte und deshalb jede Akte mehrfach liest und vieles am Wochenende zu Hause erledigt. Mit fortschreitender Sucht steigern sich die Symptome von Erschöpfungszuständen zu Blackouts oder Alkoholmissbrauch bis hin zum Herzinfarkt. 

Häufig wird die Arbeitssucht erst sehr spät entdeckt. Zu groß ist die Akzeptanz von Vielarbeit und die eigene Ignoranz. „Zu uns kommt keiner wegen Arbeitssucht“, weiß Dr. Horst Esslinger, Chefarzt der Hochgrat-Klinik in Wolfsried, die seit Jahren Arbeitssüchtige behandelt. Meist kommen die Patienten wegen Ängsten, Schlaflosigkeit, plötzlich aufgetretenen Allergien, Depressionen oder einem Herzinfarkt in die Klinik. Erst im Laufe der Behandlung stellen die Ärzte eine krankhafte Abhängigkeit von Arbeit fest. Therapien und Selbsthilfegruppen können den Süchtigen auf dem Weg aus der Sucht unterstützen und ihm helfen, ein „normales“ Verhältnis zur Arbeit zu erlernen, das ihm nicht gesundheitlich schadet.  


Kurzkommentare

Prof. Dr. H.-J. Appelrath
Universität Oldenburg
FB Informatik, Escherweg 2
26121 Oldenburg
http.://www-is.informatik.uni-oldenburg.de

... zum Thema "Arbeitssucht" mit Interesse gelesen.

Mich wundert, dass Sie ohne erkennbare empirische Absicherung von einem "Massenphänomen" sprechen. Meine Wahrnehmung ist eher die, dass dies eine Randgruppe ist (natürlich verdient diese Aufmerksamkeit und eine Betreuung und Besserung ihrer Situation). Viel gravierender und eher ein Massenphänomen scheint mir eine "Arbeitsdistanz" bis hin zur Faulheit zu sein, begleitet von den Medien, die z.B. im Rundfunk spätestens ab Donnerstag die arbeitende Bevölkerung zum Durchhalten bis zum Wochenende ermuntert, da Freizeit das einzig Erlebenswerte in unserer Gesellschaft sei. Zumindest eine solche Relativierung hätte ich mir daher in Ihrem Beitrag gewünscht, um den Blick nicht zu verstellen. 

Gruss nach HB, 
HJA


 

Junge Welt 10.02.03
Kontrollverlust des Tages

Arbeitssucht

Soziologie ist, wenn man trotzdem lacht. Während sich die aktuelle Arbeitslosenzahl in Deutschland (4,5 Millionen) den Rekordmarken der Weimarer Republik nähert, wartet der Bremer Sozialwissenschaftler Holger Heide mit der neuesten Zivilisationskrankheit auf: Hilfe, die Deutschen sind arbeitssüchtig! Eine echte Luxusdroge, wird doch anderswo n der Soziologie behauptet, das Arbeitsparadigma könnte man getrost vergessen.
Nach Heide breitet sich die Arbeitssucht "wie eine Epidemie" aus. Ungefähr eine Million Menschen mit Arbeit seien davon betroffen, besonders Selbständige, Lehrer (hört, hört!), Journalisten und Angestellte außerhalb der Chefetage. Chefs arbeiten also nie, deshalb haben sie auch soviel Stress.
Die Untergebenen kämpften mit immer mehr Eigenverantwortung und den verflixten Arbeitszeiten und bekämen davon Herz-Kreislaufstörungen, Magenprobleme, Rückenleiden, manche richteten sich sogar selbst.
Ihnen allen empfiehlt Heide den Kontakt mit Gruppen wie den "Anonymen Arbeitssüchtigen". Besser wäre ein Satz heißer Ohren, damit sie wissen, warum sie heulen. Oder wenn man es ganz genau wissen möchte: Eine soziologische Untersuchung über Forschungsprojekte an Massenuniversitäten hinsichtlich der Frage, was noch alles untersucht werden sollte, bis irgendwann endlich mal Ruhe einkehrt und keiner mehr glaubt, etwas verwissenschaftlichen zu müssen. (cm)

ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 465 / 20.9.2002

Süchtig nach Arbeit

Arbeitssucht und Arbeitsgesellschaft - zwei Seiten einer Medaille

Tod wegen Überarbeitung - in Japan so häufig, dass es dafür ein eigenes Wort gibt: Karoshi. Wir kennen den "Workoholic", den "Arbeitssüchtigen" (die Analogie zum Alcoholic ist kein Zufall), doch nur selten wird die Arbeitssucht ernsthaft als das diskutiert, was sie ist: eine Sucht. Wolfgang Krischke, Psychologe in Bremen, weist darauf hin, dass Arbeitssucht weder in der medizinischen Fachwelt oder nach den Kategorien der Krankenkassen als eigenständige Sucht erfasst wird. Und das, obwohl sie alle Symptome eines klassischen Suchtverhaltens mit sich bringt.

Krischkes Statement ist in dem von Holger Heide herausgegeben Sammelband "Massenphänomen Arbeitssucht" erschienen. Das Buch präsentiert den Großteil der Referate, die Ende August 2001 während des internationalen Work-Shops "Arbeitssucht in der Arbeitsgesellschaft", organisiert vom Institut für sozialökonomische Handlungsforschung der Universität Bremen, gehalten wurden. Sowohl unter internationaler wie auch unter interdisziplinärer Perspektive nähern sich MedizinerInnen, PsychologInnen, ÖkonomInnen, SozialwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen den "historischen Hintergründe(n) und (der) aktuelle(n) Entwicklung einer neuen Volkskrankheit" (Untertitel).

Im ersten Teil wird versucht, die Zusammenhänge zwischen Arbeitssucht und moderner Arbeitsgesellschaft in allgemeiner Form darzustellen. Während Sabine Wolf Arbeitssucht unter dem Geschlechteraspekt beschreibt, gibt Karl Heinz Roth einen kurzen, allgemeinen (und deswegen äußerst oberflächlichen) Überblick über die Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft aus der Perspektive des Wallerstein'schen Weltsystemansatzes.

Der umfangreichste Beitrag in diesem Teil stammt von Holger Heide. Heide bemüht die psychoanalytische Trauma-Forschung, um die Entstehung von Arbeitssucht zu beschreiben. In seiner Sicht ist die Durchsetzung der kapitalistischen Zeit- und Arbeitsdisziplin im 18. Jahrhundert für das Proletariat verbunden mit der Erfahrung einer vernichtenden Niederlage. Die Flucht in die Überidentifikation mit der Arbeit ist danach eine Form, jenes kollektive Trauma zu verarbeiten. Dass die Durchsetzung des modernen Fabriksystems ein unerhört gewaltsamer Akt gewesen ist, ist unstrittig. Doch ob die Ergebnisse der Erforschung individueller Traumata ohne weiteres zur Behauptung eines kollektiven und zu dem noch über Generationen hinweg wirksamen Traumas verlängert werden können, ist mehr als zweifelhaft.

Im zweiten Teil des Buches - gleichzeitig sein konkretester und stärkster Teil - geht es um Arbeitssucht im Zusammenhang mit den neuen Formen einer sogenannten postfordistischen Arbeitsorganisation. Hier knüpft das Buch an die momentanen gewerkschaftlichen Debatten um Selbstständigkeit, Arbeitszeitkontrolle, Vertrauensarbeitszeit, entgrenztes Arbeiten und den "Unternehmer im eigenen Kopf" an. (1) Lothar Peter und Stephan Meins arbeiten die Brüche und Widersprüche in der Entwicklung der neuen Angestelltenarbeit heraus. Sie beschreiben, dass der Übergang von extern disziplinierenden Kontrolltechniken in Betrieben und Büros hin zur selbstbestimmten Unterwerfung in Gestalt des individuellen "Arbeitskraftunternehmers" keine bruchlose Entwicklung ist. In der Betriebsrealität stehen heute meist Formen des alten tayloristischen Kommandos neben Formen der indirekten Kontrolle.

In beiden Aufsätzen wird herausgehoben, dass Arbeitssucht, d.h. die suchtmäßige Entgrenzung der Arbeit, wohl zu einem Massenphänomen geworden ist, jedoch relativ eng an die "autonome" und "selbstbestimmte" anspruchsvolle neue Angestelltenarbeit gebunden ist. In ihren Augen ist Arbeitssucht in erster Linie ein Phänomen des "flexiblen Menschen" und von daher nicht ohne weiteres als gängiges ArbeiterInnenverhalten zu bewerten.

In seinem kurzen Abriss zur selbstständigen Arbeit in Italien beschreibt Sergio Bologna, dass die neue Selbstständigkeit durchaus auch ein Reflex von ArbeiterInnen auf die ökonomischen und politischen Säuberungswellen in den italienischen Großbetrieben ab 1980 war. Teils aus der Not heraus, teils als erklärte Absage an die fordistische Großfabrik waren es zu Beginn durchaus gerade die FabrikaktivistInnen der 60er und 70er Jahre, die den Weg in die Selbstständigkeit gegangen sind. Roderich Wahsner und Sul-Dol Kang mit ihren Untersuchungen zur japanischen bzw. koreanischen Gewerkschaftsbewegung schließen diesen Teil ab.

Im dritten und letzten Teil stehen Umgangsweisen mit dem Phänomen Arbeitssucht im Mittelpunkt. Es geht darum, ob und wie Arbeitssucht als Berufskrankheit geltend gemacht werden kann (Oliver Tieste) sowie um die Erfahrungen mit der Arbeitszeitinitiative "Arbeit ohne Ende? - meine Zeit ist mein Leben" der IG Metall (Peter Stutz). Elvira Behnken beschäftigt sich mit Arbeitssuchtprävention am Arbeitsplatz und Claus Oellerking mit Selbsthilfegruppen für Arbeitssucht.

In einer gesellschaftlichen Situation, wo Arbeit ins Unterträgliche ideologisch aufgewertet ist und wo gleichzeitig immer härter und intensiver gearbeitet wird, ist es bitter notwendig, darauf hinzuweisen, dass Arbeit krank macht. Insofern ist die Beschäftigung mit Arbeitssucht überfällig. Der kleine Bremer Atlantik-Verlag, bisher eher bekannt für linke Literatur aus und zu den USA, hat mit "Massenphänomen Arbeitssucht" eine Pionierarbeit vollbracht. Wie alle Pionierarbeiten ist dieses Buch nicht ohne Schwächen. Das betrifft in erster Linie einige Beiträge. Doch auch die Gesamtkonzeption muss sich einige Fragen gefallen lassen. So spannend der Versuch einer interdisziplinären Gesamtschau auch ist, so besteht doch auch die Gefahr eines eher beliebigen Nebeneinanders. Dennoch ist die Mehrdimensionalität das besonders Spannende an diesem Buch. "Massenphänomen Arbeitssucht" enthält eine Menge äußerst lesenswerter Beiträge und ist ein wichtiger erster Schritt, das Thema Arbeitssucht auch für Linke diskutierbar zu machen.

dk

Holger Heide (Hg.): "Massenphänomen Arbeitssucht. Historische Hintergründe und aktuelle Entwicklung einer neuen Volkskrankheit", Atlantik Verlag Bremen 2002, 15 EUR

Anmerkung:

1) vgl. Klaus Pickshaus u.a. (Hg.): "Arbeiten ohne Ende. Neue Arbeitsverhältnisse und gewerkschaftliche Arbeitspolitik", Hamburg 2001


 

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