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Beiträge zur sozialökonomischen Handlungsforschung |
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Nr. 1 |
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Der Zusammenhang von Werttheorie und ökonomischen Kategorien bei Marx. |
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Die Marxsche Theorie - um welchen Theorietyp handelt es sich, und welche Bedeutung hat er für die heutige Wissenschaft?[1] Der Titel dieses Vortrags suggeriert, daß es sich bei der Marxschen Theorie um eine in sich stimmige, ein für alle mal feststehende Theorie handle, und es nur noch darum gehen könne, sie in das Spektrum gegenwärtiger Wissenschaft einzuordnen, bzw. zu erörtern, inwieweit sie den Kriterien heutiger Wissenschaftlichkeit standhält. Zugleich wird natürlich auch suggeriert, daß es die heutige Wissenschaft gäbe, die sich also immer weiter entwickelt habe, und die zweifelsohne Maßstäbe bereit stellen würde, die ich an eine Theorie aus dem 19 Jahrhundert herantragen kann. Von diesen Unterstellungen möchte ich hier nicht ausgehen, dazu ist die Marxsche Theorie zu vielschichtig, hat überdies eine bewegte Geschichte, in der sie interpretiert und umgedeutet wurde, so daß es unmöglich scheint, zu sagen, was denn die Marxsche Theorie überhaupt ist. Gleiches gilt für die heutige Wissenschaft. Ich werde Ihnen später anhand einiger Beispiele zeigen, daß in bestimmten Bereichen der Wissenschaft keineswegs davon die Rede sein kann, daß sie Maßstäbe bereitstellen kann für die Beurteilung einer Theorie aus dem 19. Jahrhundert. Doch wie entkomme ich diesem Dilemma, nämlich aus der bewegten Interpretationsgeschichte dieser Theorie den - vorsichtig gesagt - authentischen Kern, also den Theorietyp herauszufiltern. Ich möchte dies versuchen, indem ich sie mit einem Problem bekannt mache, das in der gesamten Rezeption der Marxschen Theorie kaum wahrgenommen wurde, und schon gar nicht thematisiert worden ist. Und ohne die explizite Erörterung dieses Problems wird man heute nicht mehr in der Lage sein, eine Einschätzung der Bedeutung dieser Theorie vorzunehmen. Um was handelt es sich? Den meisten dürfte bekannt sein, daß in den 70er Jahren ein Rekonstruktionsprogramm entwickelt wurde, und zwar von Jürgen Habermas: der Titel der einschlägigen Publikation lautet denn auch: „Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus.“[2] Rekonstruktion heißt für Habermas, daß „man eine Theorie auseinandernimmt und in neuer Form wieder zusammensetzt, um das Ziel, das sie sich gesetzt hat, besser zu erreichen“[3]. Nun kann man darüber diskutieren, ob das Ziel, das Habermas der Marxschen Theorie zugrunde legt, auch wirklich das Marxsche war. Sieht man das Ergebnis dieser Rekonstruktion an, dann findet man in dieser Neuzusammensetzung der vorher auseinandergenommenen Theorie kaum etwas von Marx wieder. Gleichwohl ist meines Erachtens Rekonstruktion der Theorie das gegenwärtig einzig mögliche Verfahren, um sie der Wissenschaft zugänglich zu machen. Ich möchte dies begründen. Marx hat im ersten Band des Kapitals darauf hingewiesen, daß er bestimmte Argumentationsgänge popularisiert, vereinfacht dargestellt habe. Die Frage stellt sich dann von selbst, wie eine nicht-popularisierte Fassung aussehen würde. Dieser Frage ist bisher in der gesamten Rezeption der Marxschen Theorie noch nie jemand nachgegangen. Aber damit nicht genug: Am 9.12.1861schreibt Marx an Engels: „Meine Schrift geht voran, aber langsam. Es war in der Tat nicht möglich, solche theoretischen Sachen unter diesen Zuständen rasch abzufertigen. Es wird indes viel populärer und die Methode viel mehr versteckt als in Teil I.“ Mit Teil 1 meint Marx die Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie aus dem Jahre 1859. Auch in dieser Briefstelle spricht Marx von Popularisierung, aber über dies hinaus sagt er auch, daß er seine Methode versteckt habe und noch mehr verstecken werde. Nimmt man diese Äußerung ernst, so bedeutet dies nichts geringeres, als daß Marx in allen von ihm selbst herausgebrachten Schriften zur Ökonomie seine Methode versteckt hat, auch bereits in der erwähnten ersten Publikation zur Ökonomiekritik, die mit wissenschaftlichem Anspruch auftritt. Auch dieser Problematik, also der Frage nach der versteckten Methode, ist noch nie Aufmerksamkeit gewidmet worden, geschweige denn, daß die Konsequenzen ernsthaft diskutiert worden wären. Und dabei geht es ja um den Kern der Wissenschaftlichkeit selbst. Eine Popularisierung kann man ja noch hinnehmen, und kann sich vorstellen, daß der wissenschaftliche Gehalt nicht tangiert sei. Aber wenn er seine Methode versteckt, also gerade das, woran die Wissenschaftlichkeit der Theorie festgemacht wird, dann muß man feststellen, daß Marx eigentlich den Zugang zum Verständnis seines Werkes verbaut hat. Ich gehe von der These aus, daß Marx die späteren Fehldeutungen, Mißverständnisse und Dogmatisierungen in erheblichem Maße mitverschuldet hat. Es ist also eine andere Art der Rekonstruktion, über die ich hier sprechen möchte, nämlich Rekonstruktion eben jener Methode, die Marx, wie er sagt, versteckt hat. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sie irgendwo „unversteckt“ vorliegt, gibt es eine Schrift von Marx, wo er sie noch nicht versteckt hat, wo er sie wirklich praktiziert? Diese Schrift gibt es. Marx nannte den ersten Entwurf des Kapitals ganz einfach - Rohentwurf- und so wird dieser Wälzer von knapp 1000 Seiten immer noch genannt. Zum ersten Male wurde er 1939 und 1941 in zwei Bänden in Moskau veröffentlicht. Im Jahre 1953 erschien in der DDR ein fotomechanischer Nachdruck dieser Ausgabe unter dem Titel Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Dieser Rohentwurf wurde von Marx in Windeseile zwischen Herbst 1857 und Frühjahr 1858 verfaßt, warum, darauf werde ich später eingehen. In diesem Rohentwurf geht es - so jedenfalls Marxens eigene Charakterisierung - wie Kraut und Rüben durcheinander. Das ist natürlich übertrieben. Aber er ist schwer lesbar und wurde bisher so gut wie nicht rezipiert. Und das ist kein Zufall, denn in der Tat dürften gerade die Ökonomen mit diesem Werk die größten Schwierigkeiten haben, da gerade hier die Anlehnung an Hegel am deutlichsten ist. Was er hier also praktiziert, ist die berühmte dialektische Methode, von der immer soviel geredet wurde, aber von der zugleich niemand sagen konnte, was es eigentlich ist. Und diese Methode hat er dann, wie er sagt, versteckt. Doch bevor ich hier auf die Probleme dieser anderen Art von Rekonstruktion eingehe, möchte ich einige Klarstellungen darlegen. Das Marxsche Kapital ist ja - so wird normalerweise unterstellt - ein Teil einer größeren Geschichtstheorie, nämlich der materialistischen Geschichtsauffassung, die doch sehr viel umfassender konzipiert ist, und die sich auch auf Gesellschaftsformationen vor der bürgerlichen Gesellschaft bezieht. Wahrscheinlich kennen sie die zentralen Aussagen dieser Theorie: also das Verhältnis von Basis und Überbau, die widersprüchliche Entwicklung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimme, usw.. Ich möchte darauf nicht eingehen, soweit diese materialistische Geschichtsauffassung als eine eigenständige Theorie angesehen wird. Ich halte sie in weiten Teilen für überholt, manche Aspekte sind zum selbstverständlichen Bestandteil der Sozialwissenschaften geworden. Zu thematisieren ist aber diese Theorie insoweit, als sie auch für die Methode im Kapital partiell Bedeutung hat, und unter diesem Aspekt werde ich sie hier thematisieren.
Lassen Sie mich auf das Marxsche Hauptwerk eingehen, seine Kritik der politischen Ökonomie. In der Wirtschaftswissenschaft wird unterschieden zwischen Marginalisten, oder auch Subjektivisten, und den Arbeitswerttheoretikern, auch als Vertreter der objektiven Wertlehre bezeichnet. Marx wird gemeinhin der zweiten Kategorie zugeschlagen - was nicht falsch ist, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Diese Unterscheidung wird durchgeführt von den Ökonomen selbst, auf der Grundlage ihres eigenen Selbstverständnisses. Und an diesem Punkte ist einzusetzen. Ich beziehe mich also jetzt nicht auf die Zurückweisung der Arbeitswerttheorie. Daß es sich hier um eine höchst brisante Theorie handelt, die nicht ins politische Konzept paßt, ist klar. Und es läßt sich zeigen, daß die Theorieentwicklung nach Marx keineswegs eine unschuldsvolle Angelegenheit war, sondern sie war auch als politische Antwort auf die Arbeitswerttheorie konzipiert und in Umlauf gebracht worden. Doch wie gesagt, auf diese Auseinandersetzung möchte ich nicht eingehen. Die Frage ist ja doch vielmehr, welchen Charakter diese Theorie hat, die ja doch nicht nur als eine politische Kampfschrift zu bewerten ist. Es geht also um die Wissenschaftlichkeit dieser Theorie, und woran die Wissenschaftlichkeit festzumachen ist. Ich will versuchen, dies an einem Problem verdeutlichen, bzw. dem Problem der Ökonomie überhaupt. In der Ökonomie gibt es eine ganz zentrale Fragestellung, die aber in ihrer kategorialen Bedeutung nicht (oder nur ganz selten) thematisiert wird: in der Makroökonomie wird in der größten Selbstverständlichkeit von Sozialprodukt gesprochen, Probleme die in diesem Kontext auftreten, sind dann eigentlich mehr statistischer Art. Schaut man sich aber näher an, was es mit diesem Begriff des Sozialprodukts für eine Bewandtnis hat, dann stößt man auf einige Ungereimtheiten. In der älteren Literatur wird es charakterisiert als eine Wertmenge, ein Wertvolumen, Sozialprodukt als eine Wertmasse. Die Ökonomen sind natürlich in der Zwischenzeit gewitzt und suchen solche Begrifflichkeiten zu vermeiden. Denn sie wissen, daß sie sich damit dem Vorwurf der Metaphysik aussetzen. Denn was soll das sein, eine Masse an Wert, ein Volumen, eine Wertmenge und dergl.. Also läßt man es lieber, soweit es geht und redet dann vom Sozialprodukt. Aber was ist das Sozialprodukt. Bei Adam Smith war es der Reichtum der Nation, nach dessen Wesen und Ursachen er in seinem Hauptwerk gesucht hat. Dieser Reichtum ist natürlich nicht die Anhäufung von Gebrauchsdingen, die ich in ihrer Vielfältigkeit vorfinde, sondern das Sozialprodukt ist eine Menge an ........ ja was eigentlich? Die Tragweite dieses Problems ist Ihnen sicherlich nicht bewußt, aber wenn ich mit Ökonomen diskutiere, so wird mir immer wieder versichert, daß es sich um ein ungelöstes Problem handelt, eine Frage, die sich nicht beantworten läßt. Es ist die Frage nach der Dimensionsgleichheit der Güter, wie es heute heißt, früher sprach man von Kommensurabilität. Also: addiert werden dimensionsgleiche Produkte, also nicht die besonderen Gegenstände, Äpfel, Birnen usw.. Aber was sind „dimensionsgleiche Produkte“, die den Reichtum der Nation ausmachen? Dimensionsgleiche Produkte sind abstrakte Gegenstände, also gerade nicht die konkreten Gegenstände - ein völliges Unding. Aber genau das verbirgt sich hinter der Frage, was hier addiert wird, wenn ein Sozialprodukt aus Preisen zusammengerechnet wird. Und das heißt natürlich auch: wenn diese Frage nicht gelöst ist, kann ich letzten Endes auch nicht sagen, was da eigentlich wächst, wenn von Wachstum des Sozialprodukts die Rede ist. Angesichts dieser Problematik zögert beispielsweise Josef Schumpeter, der „Wirtschaftslehre überhaupt den Status einer Wissenschaft“[4] zuzuerkennen. Einige Wirtschaftswissenschaftler - beispielsweise Liefmann - weisen darum auch die Makroökonomie als unsinnige und unmögliche Unternehmung zurück. Schumpeter selbst sagt: „Streng genommen“ sind die Begriffe der Makroökonomie, also ihre Gesamtgrößen, „sinnlos“[5]. Er mokiert sich darum auch über die Makroökonomie - er nennt u.a. auch Keynes -, daß sie „ohne Symptome eines kritischen Bewußtseins“[6] mit diesen Größen operieren. Was hier also vorliegt, ist der meines Erachtens brisanteste innerwissenschaftliche Angriff auf die ökonomische Wissenschaft selbst, den man sich denken kann. Der Vorwurf lautet: ihr könnt nicht sagen, was euer Gegenstand ist, ja euch ist nicht einmal bewußt, daß ihr nicht wißt, was euer Gegenstand ist. Und das sagt ja nicht irgend jemand - sondern Josef Schumpeter, einer der anerkanntesten Ökonomen. Allerdings muß ich hinzufügen: Wenn sie den jungen Schumpeter lesen, werden sie von diesen Einsichten noch nichts finden. Da ist er überzeugter Subjektivist. Erst mit der Zeit dringt er zu solchen Überlegungen durch. Ich erwähne kurz noch einige andere Beispiele. In der Ökonomie wird gemeinhin die dritte Funktion des Geldes charakterisiert als Wertaufbewahrungsmittel. Hier gerät nun die Wissenschaft in Schwierigkeiten, wenn sie sagen soll, was das ist, was da aufbewahrt wird. Es ist ja nicht der Geldschein selbst, und wenn ich den aufbewahrten Wert zusammenzähle, dann zähle ich natürlich nicht die Zahlen auf dem Papier zusammen, sondern addiere aufbewahrte Werte. Aber was ist das eigentlich? Eine Geldmenge. Eine Wertmenge? Ein anderes Beispiel: Mit aller Selbstverständlichkeit wird in der Ökonomie von Kapitalkreisläufen gesprochen. Aber was läuft da eigentlich im Kreise? Kein Ökonom konnte dies bisher bestimmen, obwohl tagtäglich davon die Rede ist. Ich will nun nicht weitere Beispiele anführen. Das Problem besteht darin, daß die gesamte ökonomische Wissenschaft einen Wertbegriff gebraucht und nicht umhin kommt, ihn zu gebrauchen, den sie nicht mehr begründen kann. Man kann ihn charakterisieren als abstrakten, objektiven und absoluten Wert. Dieser Wert ist von dem Ökonomen Sismondi (also in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts) charakterisiert worden als „kommerzielle Idee“, ganz bewußt in Anspielung auf die platonische Ideenlehre. Er vergleicht diesen Wert mit einer „metaphysischen, unsubstantiellen Qualität im Besitz desselben cultivateurs“[7]. Dieser Wert liegt jenseits der beiden Werttheorien, also der subjektiven Werttheorie, der Nutzentheorie des Wertes, und der sogenannten objektiven Theorie, der Arbeitswerttheorie, die von Adam Smith und insbesondere von David Ricardo ausgearbeitet worden ist. Diese beiden Werttheorien werden heute, soweit ich sehe, überhaupt nicht mehr diskutiert. Und der dritte Wertbegriff, den ich oben genannt habe, ebenfalls nicht. Es ist also, wenn Sie so wollen, eine ökonomische Wissenschaft ohne Wert. (Ähnlich sprach Adorno von der Soziologie als einer Wissenschaft ohne Gesellschaft.) Gleichwohl gibt es natürlich Ökonomen, die diese Problematik sehen. Ich möchte Joan Robinson erwähnen, die nicht nur die makroökonomische Begriffsbildung als unhaltbar zurückweist, sondern auch darauf hinweist, daß die Grundbegrifflichkeit der Modellbauer wenig mit ökonomischer Wissenschaft zu tun hat. „Geld und Zinssatz erweisen sich wie Güter und Kaufkraft als unfaßliche Begriffe, wenn wir wirklich versuchen sie festzuhalten.“[8] - „Die modernen Vertreter der neoklassischen Ökonomie flüchten sich in immer kompliziertere mathematische Manipulationen und ärgern sich immer mehr über Fragen nach deren mutmaßlichen Gehalt“ - „Es ist noch immer üblich, Modelle zu konstruieren, in denen Quantitäten von ‘Kapital’ erscheinen, ohne daß man die geringste Angabe darüber macht, wovon diese eine Quantität sein soll.“ Man entzieht sich dem Problem durch Übersetzung in Algebra: „K ist Kapital, Delta K ist Investition. Was aber ist K? Was soll das heißen?“[9] Auch Joan Robinson stochert in dieser Wunde der Ökonomie. Daß sie nämlich mit Größen operiert, von der sie nicht sagen kann, welcher Qualität sie sind. Die Mathematisierung der Ökonomie bezeichnet sie als eine willkommene Fluchtmöglichkeit, um diesem kategorialen Problem auszuweichen. Bei aller innerwissenschaftlichen Kritik an der Ökonomie glauben Joan Robinson und Josef Schumpeter jedoch einen theoretischen Halt gefunden zu haben im Begriff des subjektivistisch begründeten Preises. Schumpeter schwärmt geradezu von der Preistheorie von Walras als einer „Magna Charta der ökonomischen Theorie“[10]. Aber hier handelt es sich um den relativen Preis, früher sagte man relativer Tauschwert, von dem sie nie und nimmer zum addierbaren Wert der Makroökonomie kommen. Aber bei genauerer Analyse verliert auch dieser Fixstern in der Theorie seinen Glanz. Der Preisbegriff löst sich auf, wenn man ihn unter die Lupe nimmt. Alfred Amonn, einer der scharfsinnigsten Kritiker der österreichischen Schule, schreibt schon 1911, daß alle diese Theoretiker die „Preisform als gegeben voraussetzen“[11]. Die gesamte Theorie des methodologischen Individualismus wird schon damals heftig kritisiert, weil sie mit ihren Konstrukten die Preisform erschleicht aber nicht entwickelt. Das gilt für den frühen Schumpeter ebenso wie für Walras. Ich muß mich leider auf diese Andeutungen beschränken. (Dahinter steckt ein ganzes Forschungsprojekt, in dem wir - mein Kollege Backhaus in Frankfurt und ich - uns die Mühe gemacht haben, diese innerwissenschaftliche Kritik an der Grundbegrifflichkeit der Ökonomie zusammenzutragen.) Worum es mir geht, ist Sie darauf aufmerksam zu machen, daß die ökonomische Wissenschaft keineswegs, wie sich beispielsweise der Soziologe Parsons das denkt, eine Wissenschaft mit hohem Reifegrad ist, und er infolgedessen mit seiner Theorie der Kommunikationsmedien an die ökonomische Begriffsbildung mit größter Selbstverständlichkeit anknüpfen kann. (Dies gilt übrigens auch für Habermas, der ohne jedes kritische Bewußtsein ebenfalls mit Wertmassen, Wertmengen operiert, und diese dann auch gleich auf den Nutzen zurückführen will, der dann gespeichert werden kann.) Die Ökonomie ist vielmehr in ihrer Grundbegrifflichkeit durch und durch widersprüchlich. Sie plagt sich, bei allem Fortschritt in der praktischen Stabilisierung der Ökonomie durch Geldmengenregelung und dergl., in ihrer Grundbegrifflichkeit mit denselben Fragen herum, die schon vor 200 Jahren die Theoretiker beschäftigt haben. Formal ist sie natürlich ungeheuer elegant, aber zugleich weist sie dieselbe kategoriale Unbewußtheit auf wie eh und je. Wenn man sie - als Theorietyp - charakterisieren soll, dann müßte man sagen: soweit sie handlungstheoretisch argumentiert, ist sie eine rationale Handlungstheorie, aber keine Ökonomie, da sie - siehe Amonn - die Preisform, als Ausgangspunkt der gesamten weiteren Theoriebildung - äußerlich aufgreift, also nicht aus ihren eigenen Prämissen entwickeln kann; als Theorie strategischen Handelns beispielsweise unterschlägt sie jedenfalls die spezifische Natur der Objektivität der Geldform, nicht im Sinne einer ausschließlich intersubjektiven Geltung, sondern im Sinne einer existierenden Werteinheit. Und dieser “reale Wertstandard” - um diese Formulierung aus der akademischen Theorie aufzunehmen - muß in seiner Genese begründet werden. Schumpeter hat dieses Problem als einer der ganz wenigen Ökonomen präzise benannt. So beispielsweise, wenn er vor allem Gustav Cassel vorwirft, daß von “irgend einer Ableitung oder Begründung”[12] der ersten Funktion des Geldes bei ihm “keine Spur” zu finden sei, er konstatiert einen “Verzicht auf jede Klärung der Problematik der Recheneinheit”[13]. Schumpeter hat klar vor Augen was zu tun ist, aber eine Lösung finden wir auch bei ihm nicht. Bekanntlich hat Schumpeter ein Buch über das Wesen des Geldes geschrieben, das er aber nie veröffentlicht hat. Es wurde erst nach seinem Tode herausgebracht. Soweit die Theorie makroökonomisch argumentiert, trägt sie eine metaphysische Hypothek mit sich herum. Die Formen der Einheit (Sozialprodukt als aufaddierte Preise, den Reichtum der Nation usw.) kann sie selbst nicht mehr begründen in dieser spezifischen Qualität einer Menge an dimensionsgleichen abstrakten Gegenständen. Lassen sie mich einen Sprung machen: Schumpeter hat, um seine Dogmengeschichte zu Ende zu führen, noch einmal einen Blick ins Marxsche Werk geworfen. Früher sprach er von dialektischem Galimatias. Plötzlich stellt er fest, daß Marx im Kapital eine Theorie entwickelt, die genau diese Problematik ins Zentrum rückt, ohne daß aber Marx explizit davon spricht: nämlich die Begründung des objektiven und absoluten Wertes, d.h. addierbarer Werte, die zu einem Sozialprodukt zusammengezählt werden können. Schumpeter gibt aber an dieser Stelle seiner Dogmengeschichte keine Auskunft darüber, wie er mit dieser Entdeckung umgehen will. Überraschenderweise hat auch ein Philosoph, nämlich Klaus Hartmann, in seinem voluminösen Buch über Marx diese Entdeckung gemacht. Auch er konstatiert: „Wäre der Tauschwert der einzig ökonomische Wertbegriff, so gälte für ihn, daß er nur relationaler Begriff, vermittelnde Kategorie, wäre für Austauschakte. Man könnte dann solche Tauschwerte nicht addieren, auch keinen Gesamtwert berechnen. Dies soll aber möglich sein, insofern Marx die Akkumulation von Wert und Geld und Kapital dartun möchte und an späterer Stelle auch zur makroökonomischen Gesamtrechnung übergeht“[14]. Hartmann sieht also das Problem sehr genau. Die Lösung kann nur ein absoluter Wert sein, das wäre aber, und das ist sein Vorwurf an die Marxsche Adresse, eine „Erschleichung“[15] Werner Hoffman, vor einigen Jahren verstorbener Ökonom, spricht dann auch konsequent vom absoluten Wert, wenn er Wachstumstheorien diskutiert. Im Gegensatz zum relativen Wert, wenn von Gleichgewichtsmodellen die Rede ist. Nun wird hier zuerst einmal nichts erschlichen. Sondern die gesellschaftliche Realität selbst präsentiert sich dem Wissenschaftler in dieser Form. Daß uns nämlich immer schon die Produkte in Warenform gegenübertreten, also einen Preis haben, der dann auch addiert werden kann, zu einem Gesamtwert zusammengezählt werden kann, der sich erhält und wächst. Also ein intertemporaler, sich in der Zeit erhaltender und wachsender Gesamtwert. Die „sogenannten Güter“ werden also keineswegs „in Preisen geschätzt“, wie die charakteristische Wendung in der gegenwärtigen Theorie lautet, in der ein handelndes bzw. formkonstituierendes Subjekt unterstellt, besser erschlichen wird, sondern sie treten uns vorab preisbestimmt gegenüber. ”Aber wer soll da eigentlich messen, wann soll es geschehen, und was soll da erst aus einer Messung hervorgehen? .... Alle Messung kommt da längst zu spät, wo das Ausmaß gleich zahlenmäßig geboren wird“[16]. So sagt treffend Gottl-Ottlilienfeld in seiner 1923 erschienen Schrift: Die wirtschaftliche Dimension. In der Realität finden wir also das Geld - Hegel würde sagen - als den existierenden Begriff des Wertes aller Dinge immer schon vor, und können nicht sagen, woher diese Form kommt. Dieser Sachverhalt ist von Simmel, (der einzige neukantianische Philosoph, der die philosophische Wertlehre in Verbindung bringt mit Problemen der Ökonomie) später dann von Sohn-Rethel und von Adorno als Realabstraktion charakterisiert worden. Meines Erachtens eine Hieroglyphe, die zuerst einmal nur das Problem präziser bezeichnet. Von Adorno gibt es sehr viel treffendere Charakterisierungen: Ein Allgemeines, ein Abstraktes, das existiert. (Adorno sprach übrigens in diesem Zusammenhang von einer gesellschaftlichen Version des ontologischen Gottesbeweises.) Adorno hätte sich auf eine Passage in der Erstauflage des Kapitals beziehen können, die genau diesen Sachverhalt zum Ausdruck bringt. Die allgemeine Äquivalentform, grob gesprochen das Geld, wird so charakterisiert: „Es ist, als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen anderen Tieren, die gruppiert die verschiedenen Geschlechter, Arten, Unterarten und Familien, des Tierreichs bilden, auch noch das Tier existierte, die individuelle Inkarnation des ganzen Tierreichs. Ein solches Einzelne, das in sich selbst alle wirklich vorhandenen Arten derselben Sache einbegreift, ist ein Allgemeines, wie Tier, Gott usw.“[17]. Diese Passage ist übrigens in der zweiten Auflage von Marx ersatzlos gestrichen worden. Doch lassen Sie mich fortfahren: Wie geht nun Marx mit dieser Problematik um? Am 22.Februar 1858, also ungefähr als er die Niederschrift des Rohentwurfs des Kapitals beendet hat, schreibt Marx an Lassalle: “Die Arbeit, um die es sich handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben“. Die Formulierung „Kritik der ökonomischen Kategorien“ hat Marx in diesem Brief selbst hervorgehoben. Was aber heißt nun „Kritik der ökonomischen Kategorien?" Nun gibt es eine Mißlichkeit. Marx spricht zwar mehrfach von Kategorien, (gemeint ist natürlich die Warenform, Preise, Geld als Zirkulationsmittel, dann Kapital und Profit, Zins, Rente, Arbeitslohn, fixes und zirkulierendes Kapital) hält sich aber zurück mit einer definitorischen Bestimmung dessen, was unter Kategorien zu verstehen ist. Er spricht von ihnen als subjektiv-objektiven Formen, objektiven Gedankenformen. Ich kenne keine Abhandlung in der philosophischen und der ökonomischen Literatur, in der dieser Problematik nachgegangen worden ist. Aber dies ist auch nachvollziehbar. Aus den wenigen Bemerkungen von Marx läßt sich noch nicht sehr viel machen - außer man denkt sie zusammen mit der oben erwähnten Problematik des objektiven, abstrakten, des absoluten Wertes, der als eigentlicher Gegenstand der Ökonomie zugleich deren Konstituens ist. Gäbe es ihn nicht, dann gäbe es auch keine ökonomische Wissenschaft. Nun - Aufgabe der Wissenschaft wäre es, eine Theorie zu formulieren, einen Weg zu weisen, wie die Form dieses Wertes, genauer die verschiedenen Formen dieses Wertes, und zwar dieses Wertes in der Wirklichkeit selbst, zu entwickeln sind. Die Theorie hat zu entwickeln, wie sich die Realität der Formen konstituiert, zugleich hat sie aber auch zu zeigen, wie sich Wissenschaft präsentiert, wenn sie diese realen Kategorien lediglich äußerlich aufnimmt. Und genau dies ist das Programm von Marx. Wenn bei Marx von verschiedenen Wertformen die Rede ist, dann meint er eben damit zugleich die Kategorien, also Preisform, Zirkulationsmittel, Zahlungsmittel, dann Kapital, Profit, Zins, Rente, Arbeitslohn. Es sind dies für ihn Formen des wirklichen Wertes, also des Wertes in der Wirklichkeit, und sie nötigen uns diese an die Metaphysik erinnernde Sprache auf, welche die Ökonomie möglichst vermeiden möchte. Zugleich entwickelt er, wie sich mit diesen Kategorien ein Schein der Apriorität konstituiert, ein Schein des Ansichseins, der die Einsicht in die wirkliche Genese dieser Formen blockiert. Erst in diesem Kontext wird dann auch der Bezug zu Hegel thematisch. Wenn Marx seine Ökonomiekritik einmal charakterisiert als „Wissenschaft im deutschen Sinne“, dann orientiert er sich natürlich an der großen Philosophie, an Kant und Hegel. Schon bei Kant läßt sich die Kritik der reinen Vernunft als Entwicklung von Formen lesen (so hat es beispielsweise Adorno vorgeschlagen) bei Hegel ist es ohnehin klar, daß die Logik Kategorien entwickelt. Sie war dann auch das unmittelbare Vorbild für Marx. In einem Brief an Lassalle spricht er denn auch darüber, daß ihm die „Hegelsche Logik großen Dienst geleistet hat in der Methode des Bearbeitens“. Sehen wir uns noch einmal die Marxsche Äußerung im Brief an Lassalle an: „Die Arbeit, um die es sich handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben“. Es ist charakteristisch, daß diese Äußerung von Marx Anlaß zu Mißverständnissen gegeben hat. Eine platte Interpretation dieses Kritikbegriffs ist die Auffassung, wie sie beispielsweise im Marxismus-Leninismus vertreten wurde. Kritik ist hier die theoretische Auseinandersetzung mit den akademischen Lehrmeinungen, sie hat nichts zu tun mit der Darstellung des realen ökonomischen Systems. Eine solche Interpretation positiviert vorab die Marxsche Präsentation, bezeichnenderweise ist sie völlig blind für die kategorialen Probleme. Marx nennt aber die Kategorien reale Kategorien. Das Geld ist eine reale Kategorie. Sie ist den anderen Kategorien vorausgesetzt, die dann schrittweise entwickelt werden, und zwar als Formen zunehmender Verselbständigung und Verkehrungen des wirklichen Wertes in der Zirkulation - bis hin zu jenen Gestaltungen, von denen dann die Ökonomie selbst ausgeht. Was die Marxsche Theorie von allen ökonomischen Theorien unterscheidet, ist die Methode der Einführung dieser Kategorien. In der Ökonomie ist es völlig selbstverständlich, daß Geld, Kapital, Zins definitorisch eingeführt werden. Schaut man sich diese Definitionen an, dann stellt man fest, daß es sich immer um zirkuläre Verfahren handelt. Das zu Definierende wird in der Definition immer schon vorausgesetzt. Vielleicht dazu ein Zitat von Marx: “Den Herrn Ökonomen wird es verdammt schwer, theoretisch fortzukommen von der Selbsterhaltung des Wertes zur Vervielfältigung; nämlich diese in seiner Grundbestimmung, nicht nur als Akzidens oder nur als Resultat. Siehe z.B. Storch, wie er durch ein Adverb „eigentlich“ diese Grundbestimmung hereinbringt. Allerdings suchen die Ökonomen dies in das Verhältnis des Kapitals als wesentlich hereinzubringen, aber wenn das nicht in der brutalen Form geschieht, daß Kapital als das bestimmt wird, was Profit bringt, wo die Vermehrung des Kapitals selbst schon als besondere ökonomische Form im Profit gesetzt ist, so geschieht es nur verstohlen und sehr schwach .... Das Geschwätz, daß niemand sein Kapital anwenden werde, ohne Gewinn daraus zu ziehen, läuft entweder auf die Albernheit hinaus, daß die braven Kapitalisten Kapitalisten bleiben werden, auch ohne ihr Kapital anzuwenden; oder darauf, daß in einer sehr hausmannskostartigen Form gesagt wird, daß gewinnbringende Anwendung im Begriff des Kapitals liegt. Well. Dann wäre das eben nachzuweisen“[18]. Aus der Marxschen Wortwahl - nachweisen - läßt sich ersehen, daß diese Entwicklungsmethode Beweischarakter hat. Das nur am Rande! Was ist in diesen Sätzen impliziert? Wenn es möglich ist, eine nicht-definitorische Einführung dieser Kategorien zu entwickeln, dann bedeutet dies, daß ich mit der Entwicklung dieser Formen zugleich die mit diesen Kategorien verknüpfte Handlungspraxis in ihrer Genese entwickle, und damit auch die spezifische Subjektivitätsform in ihrer Entstehung nachzeichne. Marx nennt sie Charaktermasken, Träger ökonomischer Kategorien, also die Kapitaleigentümer und die Arbeiter. Er entwickelt also, wie sich Wirklichkeit in ihrer kategorialen Differenzierung selbst konstituiert, die dann der Ökonomie als ein Ansichseiendes gegenübersteht. Das ist das eigentlich Revolutionäre - soweit es sich um den Charakter der Wissenschaftlichkeit handelt - in dieser Theorie. An diesem Zitat läßt sich aber auch noch etwas anderes demonstrieren. Ich sprach eingangs von Popularisierung und Verstecken der Methode, und daß es darauf ankomme, die Marxsche Theorie überhaupt erst in ihrem wissenschaftlichen Gehalt freizulegen, zu rekonstruieren. (Nur als Anmerkung: über diese Passage, die sie nur im Rohentwurf des Kapitals finden, bin ich selbst erst dahinter gekommen, was Marx „eigentlich“ macht). Wenn Sie sich die entsprechenden Stellen im Kapital ansehen, finden sie nur noch die verknöcherten Formeln W-G-W, Ware - Geld - Ware, und dann die Umkehrung G - W- G’, also Geld - Ware - mehr Geld. Das wurde in der gesamten Marxrezeption immer so hingenommen, ohne daß die dahinter stehende Problematik auch nur ansatzweise gesehen wurde. Im Grunde ist es eine ganz dürre Formel, wirklich nur noch das klappernde Skelett einer sehr komplizierten Erörterung, die er dann aber völlig unterschlagen hat. Wenn Sie unter diesem Gesichtspunkt die verschiedenen Ausgaben vergleichen, also insbesondere die erste und zweite Auflage des Kapitals, dann stellen sie fest, daß Marx systematisch und kommentarlos alle Passagen entfernt hat, die sich auf die dialektische Entwicklungsmethode beziehen. Man weiß nicht mehr, warum die verschiedenen Geldformen gerade in der Reihenfolge präsentiert werden, in der sie nun mal dastehen. Marx spricht dann auch in diesem Kontext von seiner Methode der „Kondensation“. Noch kein Interpret ist dieser Frage nachgegangen. Zugleich gebraucht Marx eine Terminologie, die dem Verständnis nicht gerade förderlich ist. Waren als Werte charakterisiert er als Gallerte abstrakter Arbeit, also eine Art durchsichtiger Wackelpudding, bei dem man sich etwas vorstellen kann, aber das Denken wird einem damit umso schwerer gemacht. Wie mit der Pistole geschossen wird am Anfang wild drauflos definiert, wenn es darum geht, Arbeit als Substanz des Wertes zu bestimmen. Marx hat, um meine These zu wiederholen, den Zugang zu seinem Hauptwerk selbst blockiert und zugeschüttet. Interessant ist in diesem Kontext die Marxsche Beurteilung eines Rezensenten des Kapitals, der die Marxsche Einführung des Wertbegriffs kritisiert hat: „Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den Wert stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft“ (an Kugelmann am 11.Juli 1868) Marx hat seine Methode offensichtlich so erfolgreich versteckt, daß sie jedenfalls im Kapital nicht entdeckt werden konnte - und nicht nur von diesem unglücklichen Rezensenten. Ironisch genug ist es ja, daß sich Marx über etwas ärgert, was er selbst verschuldet hat. Oder ist es womöglich Ärger über sich selbst? Eine naheliegende Frage möchte ich vorwegnehmen. Wo bleibt bei all dem was ich sage, die Arbeit. Marx ist doch - auch - Arbeitswerttheoretiker. Und nicht nur - etwas flappsig gesprochen - hegelianisierender Ökonom. Selbstverständlich ist er Arbeitswerttheoretiker, aber sie haben der eben zitierten Briefstelle entnehmen können, daß die Arbeitswertlehre in einer Weise eingeführt wird, daß der Zusammenhang dieser Theorie mit der Theorie der Formkonstitution des Wertes, also den Kategorien, undurchsichtig bleibt. Das Marxsche Hauptwerk mußte also rezipiert werden wie ein ausschließlich ökonomisches Werk, und dabei kritisiert Marx doch gerade die gesamte ökonomische Wissenschaft als kategorienblind. Nun sollte ich - so war es abgesprochen - den Theorietyp charakterisieren, und andeuten, was er für die heutige Wissenschaft bedeutet. Den Ausführungen konnten Sie schon entnehmen, daß es für die Marxsche Theorie m.E. überhaupt kein Vorbild gibt in der gegenwärtigen Wissenschaftslandschaft. Weder läßt sie sich als eine hermeneutisch sinnverstehende Theorie charakterisieren (denn mit den Mitteln des sinnverstehenden Zugangs können sie nicht entwickeln, wie sich die Preisform konstituiert). Ist sie eine Theorie rationaler Rekonstruktion? Analog beispielsweise dem Verfahren im Universalpragmatismus von Habermas? Auch das trifft die Sache nicht. Zwar impliziert der Marxsche Wert- und Geldbegriff einen Begriff von Geltung, der sich nicht auf empirische Akzeptanz zurückführen läßt. Aber dann haben sie immer noch nicht die Arbeit mitgedacht! Eine Naturwissenschaft ist sie auf keinen Fall. Marx erinnert an Vico, wenn er die menschliche Geschichte von der Naturgeschichte unterscheidet, und betont, daß wir die menschliche Geschichte begreifen können, weil wir sie selber gemacht haben. Daß aber die kapitalistische Gesellschaft in der Praxis wie Natur behandelt wird, liegt daran, daß sie wie Natur erscheint. Nicht zufälligerweise spricht man von einer Art zweiten Natur der Gesellschaft. Dieser Ausdruck bezieht sich auf den verdinglichten Zusammenhang mit Eigenstruktur und eigener Gesetzmäßigkeit. Man kann also mit ihr umgehen, wie mit Natur. Das heißt, sie können - wie uns das von Popper gelehrt wurde - Gesetze postulieren und sie an diesen Gegenstand herantragen, sie möglicherweise als bisher nicht falsifizierte Hypothesen sogar zur praktischen Anwendung bringen. Die Marxsche Theorie geht anders vor: mit der theoretischen Entwicklung, d.h. dem theoretischen Nachvollzug der Genese der praktischen Entstehung der Kategorien in Verbindung mit der Frage, wie sich der abstrakte, objektive und absolute Wert nicht nur konstituiert, sondern als realer auch in der täglichen Praxis, also in der Produktion und Akkumulation, erhält, postuliert Marx zugleich einen genuin sozialwissenschaftlichen Gesetzesbegriff, für den es in der gegenwärtigen Wissenschaft kein Vorbild gibt. Wenn in der gegenwärtigen Ökonomie Wachstum des Sozialprodukts erörtert wird, (von Werner Hofmann als Zunahme des absoluten Wertes thematisiert) dann läßt sich dies nur über Zustandsquerschnitte zu bestimmten Zeitpunkten bestimmen, es ist also eine statische Angelegenheit. Das „Wachsen“ als realer Vorgang selbst kann sie nicht fassen. Es würde nämlich bedeuten, daß sie die Einheit von Statik und Dynamik als realen Vorgang konzeptualisiert, also die Tatsache, daß die Wirtschaft, wenn ich einmal so pauschal sagen kann, nur ist als sich beständig ausdehnende. Ein merkwürdiger Seinsbegriff? Ein Sein, dem eigenen Wortsinn nach ein statisches, ist nur als Dynamisches, als permanente Größenausdehnung des Wertes in der Produktion und Zirkulation. Die Hegelianer wissen natürlich, wo diese Struktur vorgedacht wurde. Und Adorno, der, soweit ich sehe, als einziger diesen Sachverhalt angesprochen hat - in seinem Aufsatz über Statik und Dynamik als soziologische Kategorien - kommt natürlich von Hegel her. Nun möchten Sie sicherlich wissen, warum Marx seine Methode versteckt hat. Eine Antwort darauf dürfte nicht einfach sein. Ich hatte zu Beginn angedeutet, daß die materialistische Geschichtsauffassung, soweit nicht bestimmte Aspekte zu selbstverständlichen Bestandteilen der Sozialwissenschaft geworden sind, meines Erachtens nur noch Bedeutung hat im Rahmen der Rekonstruktionsbemühungen der Marxschen Wissenschaft im Kapital, und zwar im Sinne einer Trennung von Geschichtsphilosophie und Darstellung (dieser Ausdruck Darstellung hat große theoretische Bedeutung, darauf hat - im Hinblick auf die Marxsche Theorie - als erster Max Horkheimer hingewiesen.). Offenkundig ist für den Marx des Rohentwurfs die Dialektik als Methode der formgenetischen Darstellung unmittelbar identisch mit der theoretischen Rekonstruktion der realen Genese dieses prozessierenden Wertes, der Dynamik einer die Menschen selbst beherrschenden prozessierenden Abstraktion, aufeinander aufbauenden Formen der Verselbständigung des Wertes, verkehrte Formen gesellschaftlicher Einheit, die dann vom revolutionären Proletariat insgesamt hinweggefegt werden sollten. Aus dem Briefwechsel (2. April 1858) geht hervor, daß Marx als letzte dieser Formen das - sie werden verblüfft sein - das Aktienkapitel begreift: „Das Aktienkapital als die vollendetste Form“ und er fügt hinzu - „zum Kommunismus überschlagend“. (Weil es die Aufhebung des Privateigentums innerhalb seiner eigenen Bedingungen ist.) Es ist die letztmögliche Form verkehrter Gesellschaftlichkeit, über die hinaus eine darauf aufbauende Form verkehrter Gesellschaftlichkeit für Marx strukturell nicht denkbar war. Seine systematische Entwicklung der Kategorien ist für Marx nicht abzulösen von dieser Gestalt der Theoriebildung. Das ist aber auch nicht verwunderlich, wenn wir uns die aktuelle Situation ansehen. Vom Oktober 1857 bis März 1858, unter denkbar schwersten Verhältnissen, meist in der Nacht arbeitend, bringt Marx fast 1000 Seiten zu Papier. Anlaß für diese Strapaze war der Ausbruch der Krise von 1857, in deren Gefolge Marx und Engels die Revolution erwarteten, wobei Engels die Befürchtung äußert, daß die Arbeiter zu früh losschlagen könnten, um erfolgreich zu sein. (Brief an Marx am 15.11.1857). Marx selbst hat eine andere Befürchtung: daß er mit seinem Werk zu spät kommen könnte, die Revolution womöglich ohne die Theorie stattfinden könnte. Kurz vor Beendigung des Rohentwurfs, am 22. Februar 1858, schreibt Marx an Lassalle: "After all, schwant es mir, daß jetzt, wo ich nach fünfzehnjährigen Studien soweit, Hand an die Sache legen zu können, stürmische Bewegungen von außen wahrscheinlich interfere werden. Never mind. Wenn ich zu spät fertig werde, um die Welt für derartige Sachen aufmerksam zu finden, ist der Fehler offenbar my own ...". Beides fand nicht statt. Weder Revolution noch Veröffentlichung der Theorie, also jener Gedanken, die zur materiellen Gewalt werden sollten. Die revolutionäre Gewißheit, die Marx so sehr beflügelt hat, daß er nach „fünfzehnjährigen Studien” in Windeseile seine Kritik zu Papier brachte, wurde herb enttäuscht. Die Frage
drängt sich auf, wie Marx dies verarbeitet hat. Denn Dialektik war in
allen bisher formulierten Anwendungen für Marx untrennbar verknüpft
mit der Vorstellung eines weltgeschichtlichen Kulminationspunktes, an
dem sich die geschichtliche Menschheit von der Last der Vorgeschichte
befreit. Aber gibt es eine Dialektik, die ohne diesen Kulminationspunkt
denkbar ist, eine "reduzierte Dialektik", gewissermaßen eine
methodische Anweisung zur Entwicklung der Kategorien, die ohne diesen
geschichtsphilosophischen Überbau zu haben ist? Marx hat sich dazu nie
geäußert, nie den Versuch unternommen, explizit eine solche
Differenzierung zu thematisieren. Warum er dies nicht getan hat, wirft
neue Fragen auf.
[1] Es handelt sich um einen am 18.11.1998 vor der Philosophischen Gesellschaft in Bremen gehaltenen Vortrag [2] Habermas, Jürgen(1976): Zur Rekonstruktion des historischen Materialismus, Frankfurt [3] a.a.O., S.9 [4] Josef Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, 2 Bände. , hrsg. von E.B. Schumpeter, Göttingen 1965, Bd. 1, S.35 [5] a.a.O., S.754 [6] Bd. 2, S. 1213 [7] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin l953, S.172 [8] Joan Robinson, Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft. Eine Auseinandersetzung mit ihren Grundgedanken und Ideologien, München 1972, S.109 [9] a.a.O. [10] Josef Schumpeter, Bd. 1, S.312 [11] Alfred Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, Wien 1911, zitiert nach der 2. Auflage von 1927, S.421 [12] Josef A. Schumpeter, Cassels Theoretische Sozialökonomik, in: Dogmenhistorische und biographische Aufsätze, hg. von E. Schneider, Tübingen 1954, S.206 [13] a.a.O., S.208 [14] Klaus Hartmann, Die Marxsche Theorie, Eine philosophische Untersuchung zu den Hauptschriften, Berlin 1970, S. 269. [15] a a.O. [16] Friedrich Gottl-Ottlilienfeld, Die wirtschaftliche Dimension, Jena 1923, S. 43 ff. [17] Karl Marx, Das Kapital, Hamburg 1867, Erstauflage (zitiert nach dem Nachdruck des Gerstenberg Verlages, S. 27, vgl. auch: MEGA, II 5, Berlin 1983, S. 37. [18] Grundrisse, S. 182
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