Systemaufstellungen

Systemaufstellungen als innovatives didaktisches Format zur Vermittlung von Orientierungswissen und Systemkompetenz für Studierende und Entscheidungsträger/innen

Anders forschen und lehren, um Nachhaltigkeit zu verstehen

Wirtschaftsethik, Nachhaltigkeit und Gesellschaftsverantwortung sind eher dem Orientierungswissen als dem Gestaltungswissen zuzuordnen und brauchen auch andere Vermittlungsformen als den Vortrag, die Vorlesung oder das Literaturstudium. Orientierungswissen ist letztlich Beziehungswissen und die Art der Beziehungen können in der Lehre durch die Methode der Systemaufstellung visualisiert, erfahrbar und diskutierbar gemacht werden.

Systemaufstellung
In meinen Lehrveranstaltungen an der Universität Bremen arbeite ich seit einiger Zeit mit der Methode der Systemaufstellung in der Lehre, nachdem ich eine Fortbildung zum zertifizierten Systemaufsteller gemacht habe. Die bisherigen Erfahrungen und die Rückmeldungen der Studierenden mit dem Einsatz der Methode versprechen einen großen Mehrwert bei der Vermittlung von Kompetenzen und dem Verstehen und Erinnern von Inhalten der Wirtschaftsethik, Nachhaltigen Entwicklung und der allgemeinen Managementlehre.
Innovativ ist es auch, wenn in einem koedukativen Modul Führungskräfte und Studierende gemeinsam forschungsorientiert lernen, wie Nachhaltigkeit in Unternehmen verankert werden kann. Praktiker/innen werden eingeladen, in Veranstaltungen mit den Studierenden ihre Nachhaltigkeitsfragen aufzustellen. Die Studierenden lernen sowohl etwas als Repräsentant/innen in den Aufstellungen als auch in der intensiven Nachbereitung der gewonnenen Erkenntnisse. Am Ende der Versuchsphase steht ein neues Konzept für ein koedukatives Lernen von Führungskräften und Studierenden.

Erfahrungen mit der Methode der Systemaufstellungen

Systemaufstellungen vermitteln ein «Denken in Beziehungen“ und können in der universitären Lehre zur Erreichung einer höheren Kompetenzstufe der Studierenden dienen. Unabhängig vom Lehrfach, in dem die Methodik angewandt wird, wird die Entwicklung der kognitiven Kompetenzstufen Wissen, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Synthetisieren und Bewerten durch Systemaufstellungen unterstützt. Die tiefergehende Beschäftigung mit Inhalten über das Hören hinaus lässt Studierende das Gelernte reflektieren und verinnerlichen. Neben dem Ausbau allgemeiner Kompetenzen wird durch die Lehrmethodik der Systemaufstellung immer die sogenannte systemische Kompetenz weiter entwickelt. Die Innovation liegt darin, dass die Studierenden selbst durch ihr szenisches Mitwirken an der Aufstellung ein kollaboratives Erkennen (Gruppenerlebnis) ermöglichen und im Sinne eines forschenden Lernens nicht nur komplexe Inhalte visualisieren, sondern auch auf ganz neue Forschungsfragen stoßen.

Beziehungen werden häufig in einer Art Raumsprache ausgedrückt: Wie stehen Unternehmen zum Thema Wirtschaftsethik, wie stehen ethische Normen zur Profitorientierung, wie stehen unterschiedliche betriebliche Entscheidungsprämissen wie Effizienz, Verantwortung und Substanzerhaltung zueinander? Im Hörsaal oder Seminarraum stellen sich Studierende als Repräsentant/innen für die Systemelemente Ethik, Unternehmen, Gewinn, Mitarbeiter/innen und Kunden auf und drücken durch den Abstand und die Blickrichtung ihre Vorstellungen davon aus, in welcher Relation die einzelnen Elementen zueinander stehen.

Aufstellung Hörsaal
Eine Aufstellung ist etwas anderes als eine theatralische Inszenierung. Theater setzt ein Drehbuch voraus, Aufstellungen arbeiten mit den inneren Bildern der Studierenden vom Gesamtzusammenhang. Sie lernen mit der innovativen und bislang kaum für die Lehre erschlossenen Methode der Systemaufstellung, komplexe Sachverhalte, praktische Problemstellungen und theoretische Vermittlungsinhalte nicht nur theoretisch und kognitiv zu erschließen. Vielmehr erfahren sie auch körperlich und emotional durch die Aufstellung von Systemen im Raum deren Spannungsfelder und erleben über die repräsentierende Wahrnehmung ganzheitlich, welchen unsichtbaren Dynamiken Systeme ausgesetzt sein können, welche versteckten Wirkungen auf diese Weise sichtbar gemacht werden können und welche unterschiedlichen Interpretationsansätze sich ergeben können.

Anwendungsbeispiele für die Methode in der Managementlehre

Die Methode der Systemaufstellung habe ich bislang folgendermaßen angewendet:

  1. In Hörsälen habe ich komplexe und zum Teil sehr abstrakte Beziehungszusammenhänge mit Studierenden als Stellvertreter/innen aufgestellt und anhand des Bildes meine Sicht erklärt. Diese Form nenne ich Systemisches Visualisieren (Beispiel: Wie stehen die folgenden Entscheidungsformate zueinander: Jetzt-für-jetzt-Entscheidungen, Jetzt-für-dann-Entscheidungen, Jetzt-für-andere-Entscheidungen, Jetzt-für-dann-für-andere Entscheidungen?).
  2. Nach zusätzlichen Seminaren zur Vermittlung von Aufstellungskompetenz habe ich zusammen mit Praktiker/innen deren Anliegen in Lehrveranstaltungen aufgestellt und geklärt. Für die Studierenden bestand die Prüfungsaufgabe darin, die Aufstellungen zu dokumentieren, wissenschaftliche Fragestellungen zu generieren und erste Literaturrecherchen zur Beantwortung der neuen Fragen durchzuführen. (Beispiel: Wie kann ein Lebensmittelkonzern mit Kinderarbeit auf Kakaoplantagen umgehen?) Die vielversprechenden Erfahrungen haben zu diesem Antrag angeregt, da es weiterer didaktischer Überlegungen braucht, um die Methode noch effektiver einzusetzen.
  3. In vielen Aufstellungen für Praktiker/innen habe ich festgestellt, dass sehr viele Akteure und Akteurinnen der Methode heute sehr aufgeschlossen gegenüberstehen. Selbst größere Unternehmen haben schon angefragt, mit Aufstellungen eigene Projekte näher anzusehen. Sogar innerhalb des Lehr- und Forschungsbetriebs der Universität habe ich inzwischen curriculare Fragen wie auch ganze Forschungsprojekte aufgestellt

Zur Funktionsweise von Systemaufstellungen

Systemaufstellung ermöglichen zugleich ein emotionales, affektives und kognitives Erfahren und Lernen in Gruppen. Sie werden in der Praxis im Bereich der systemischen Organisationsberatung eingesetzt und in letzter Zeit behutsam in Ansätzen als didaktisches Instrument für die Lehre eingeführt. Mit Systemaufstellungen wird eine räumlich-szenische Darstellung von Beziehungsstrukturen eines Systems realisiert, in der Menschen die Elemente des Systems repräsentieren und buchstäblich im Raum aufgestellt werden. Hierbei nutzen die Menschen als Repräsentant/innen bzw. Stellvertreter/innen von Systemelementen die repräsentierende Wahrnehmung, die ihnen erlaubt, sich in das Elemente „hineinzufühlen“ und als Stellvertreter/innen spüren zu können, ob der zugewiesene Platz und die Beziehungen zu anderen Elementen akzeptabel, angenehm, störend, bedrückend, stärkend u.v.m. sind. Auf diese Weise wird mit Menschen ein Ursprungssystem an einem anderen Ort neu erzeugt. Der Abstand zwischen den Personen und deren Blickrichtungen lassen bereits im Rahmen des Systemischen Visualisierens Schlussfolgerungen zu, die durch reine Analyse von Texten kaum jemals hätten entstehen können.
Im Unterschied zum Systemischen Visualisieren konzentriert sich die Systemaufstellung nicht allein auf das Sichtbarmachen von Beziehungen und deren Deutungsangeboten, sondern vor allem auf die sogenannte Prozessarbeit. Ein ausgebildeter Aufstellungsleiter versucht durch gezieltes Fragen, durch die Aufforderung des Nachfühlens von Empfindungen der Stellvertreter/innen und durch die Repositionierung von Elementen sowie die Aufnahme neuer oder das Entfernen etablierter Elemente, ein „gutes System“ zu erzeugen. Einen „guten Platz“ zu finden bzw. jemandem oder etwas einen „guten Platz“ zu geben wird hier im engsten Sinne realisiert. Mit Systemaufstellungen können auf diese Weise Deutungsangebote für Anliegengeber/innen entwickelt werden, die das Ausgangsbild mit ihrer jeweils spezifischen Problemstellung aufstellen und die Elemente zuweisen. Diese Methode kann auch aus dem Organisationskontext übertragen werden in transdisziplinärer Forschung und Lehre, um durch Visualisierung und Prozessarbeit gemeinsam mit Wissenschaftler/innen, Studierenden und Praktiker/innen ganz neue Forschungsfragen ableiten zu können.

Ziel des Einsatzes von Systemaufstellungen in der akademischen Lehre und Weiterbildung


Mit Hilfe von Systemaufstellungen lassen sich die Lücken, die zwischen der betriebswirtschaftlichen Fachausbildung von Studierenden und dem vornehmlich auf Erfahrungswissen beruhenden Vorgehen von Führungskräften identifiziert werden, überbrücken, um Nachhaltigkeit sowohl in die Lehre als auch in die Praxis zu integrieren, indem Praxisprobleme in die Hochschule hineingetragen und dort mit Studierenden als Stellvertreter von Systemelementen untersucht werden.

Studierende können mit Hilfe dieses Lehrmoduls nicht nur Nachhaltigkeit in ihre Studienverläufe integrieren, sondern auch an die systemischen Zusammenhänge betrieblicher Entscheidungsprozesse herangeführt werden. Praktiker/innen erhalten konzeptionelles Nachhaltigkeitswissen sowie neue Blickwinkel auf ihr Problem wie auch Handlungsalternativen und Lösungsanregungen hierfür.

Aufstelung Hörsaal 2
Mit dem Einsatz von Systemaufstellungen in der Lehre und der Weiterbildung sollen hinsichtlich der Erforschung der Reichweite der Methode neu erlernte Lerninhalte visualisiert und vertieft, logische Spannungsfelder im Management erforscht und Praxisanliegen untersucht werden. Aus didaktischer Sicht soll experimentiert werden, wie Studierende und Praktiker/innen an die Vermittlung systemischer Kompetenz herangeführt werden können, welche sinnvollen Schritte hierfür in einem Seminar gegangen werden sollten und wie die Methode der Systemaufstellung didaktisch eingebettet werden kann. Der learning outcome für die Studierenden liegt in der vertieften Vermittlung von Orientierungswissen im Kontext von Wirtschaftsethik, Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung sowie in der Steigerung der systemischen Kompetenz. Der learning outcome für die Praktiker/innen liegt in einer konkreten Beratungsleistung zu einem faktischen Organisationsproblem mit Nachhaltigkeitsbezug sowie neue Einblicke in systemisches Wissen.

Die Grundlage der systemischen Kompetenz bildet Fachwissen zur Systemtheorie und damit Wissen zum Funktionieren und Verhalten von komplexen Systemen, das durch den/die Dozierende/n vermittelt und durch systemische Übungen nachempfunden wird. Durch Systemaufstellungen werden systemische Prinzipien vermittelt, welche typische Systemlogiken erklären, die letztlich in realen sozialen Geschehnissen wiederzuerkennen sind. Neben der Vermittlung von systemischen Prinzipien und Fachwissen wird dieses auch auf relevante Probleme der zukünftigen Arbeitsfelder der Studierenden übertragen. Den Beteiligten wird durch die Systemaufstellung ermöglicht, das Fachwissen und die systemischen Prinzipien am eigenen Körper nachzuempfinden. Solche Empfindungen können mitunter sehr prägend sein und damit Fachwissen unvergesslich machen. Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Spannung zwischen den Rationalitäten Effizienz und Nachhaltigkeit in einem Unternehmen. Die grundlegende Argumentation der Nachhaltigkeitsforschung, dass Effizienz und Nachhaltigkeit zwei widersprüchliche Entscheidungsrationalitäten darstellen, konnte bisher noch in jeder der durchgeführten Systemaufstellungen von allen Beteiligten und Zuschauenden intensiv nachempfunden werden.

Systemaufstellung

Neben der Verfestigung von Fachwissen werden durch Systemaufstellungen Interpretations-, Analyse- sowie Bewertungsleistungen verstärkt. Die Übernahme der Vertretung eines Systemelements und die dadurch entstehenden Empfindungen regen in hohem Maße Interpretationsversuche bzgl. der Geschehnisse in der Systemaufstellung an. Nach einer Systemaufstellung findet mit dem/der Dozierenden und den beteiligten Studierenden und Praktiker/innen eine Analysephase statt, in der zum einen der/die Dozierende die Parallelen zwischen Fachwissen und erlebter Aufstellung erläutert und zum anderen die Beteiligten zur Generierung von möglichen Schlussfolgerungen zum zugrunde liegenden Problem der Systemaufstellung aufgefordert werden, welche gemeinsam in der Runde diskutiert werden. Die Beteiligten werden darüber hinaus dazu motiviert, die Empfindungen aus der Systemaufstellung aus dem Seminar „mit hinauszunehmen“, also im Hinterkopf zu behalten und auf Probleme im Alltag oder im Nebenjob zu beziehen.
Letztlich wird anhand von Systemaufstellungen das Lernen durch Emotionen gefördert, die durch Faktenschaffung des Dozierenden und gemeinsame Analyseanstrengungen in der Gruppe untermauert werden. Die Entwicklung der systemischen Kompetenz verfolgt das Ziel, die Beteiligten mit einem geistigen Analyse-, Interpretations- und Bewertungsinstrument auszustatten, welches ihnen die Fähigkeit gibt, in den verschiedensten Situationen Beziehungsstrukturen, unsichtbare Kommunikation und Zusammenhänge zu deuten und für Problemlösungen zu nutzen. Damit wird deutlich, dass die Methodik der Systemaufstellungen bei den Beteiligten ein „Denken in Beziehungen“ fördert. Mit Blick auf die Managementlehre erfolgt dies insbesondere hinsichtlich Führungsfragen, allgemeinen sozialen Geschehnissen und speziellen Organisationssituationen. Die Entwicklung des „Denkens in Beziehungen“ trägt damit zur Selbstorganisationsfähigkeit und zur anhaltenden Handlungsfähigkeit der Beteiligten in komplexen Situationen bei.

 

Weiterführende Literatur


Faulstich, J. (2007): Aufstellungen im Kontext systemischer Organisationsberatung, Heidelberg.

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Müller-Christ, G./Arndt, L./Ehnert, I. (Hrsg.): Nachhaltigkeit und Widersprüche. Eine Managementperspektive, Hamburg, S. 13-58.

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