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Der Fachbereich Wirtschaftswissenschaft trauert um Stephan Leibfried - Ein Nachruf von Prof. Dr. Rudolf Hickel

Zum Tod von Stephan Leibfried: Ein Leuchtturm in der Bremer Wissenschaftslandschaft

Der unerwartete, plötzliche Tod von Stephan Leibfried hat tiefe Betroffenheit, Trauer, aber auch Erinnerungen an seine großen Taten und wissenschaftlichen Werke wachgerufen. Er ist zum Leuchtturm für die Universität mit ihrem Schwerpunkt Sozialwissenschaft geworden. Einen mächtigen Anteil hat er an dem heute exzellenten Renommee dieser Universität. Mit seiner Aufklärungsmission war klar, dass er sich auch im Stadtstaat nicht nur bei der Lösung sozialer Fragen engagierte. Dafür steht seine produktive Kooperation mit dem damaligen Sozialsenator, dem späteren Bürgermeister Henning Scherf.

Der ehemalige Jurist hat sich zügig zu einem der großen Analytiker des Staats entwickelt. Normative Funktionen wie Sicherheit, soziale Stabilität, ordnende Wettbewerbspolitik wurden präzisiert. Aber auch die Grenzen des Steuerstaats, der sich aus der hoheitlichen Beteiligung an der privaten Wertschöpfung finanzieren muss, wurden im Sinne von Joseph A. Schumpeter untersucht. Je länger er sich mit der normativen Funktion des Staates beschäftigte, umso deutlicher rückte der Wohlfahrtsstaat in den Mittelpunkt. „Zerfasert mit dem Nationalstaat“ auch die soziale Verantwortung, wie sie im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft konzipiert war? Die Rolle der wachsenden Armut im Sozialstaat trieben ihn um. Dazu gehörte auch die Frage, inwieweit sich der Sozialstaat zum Teil selbst durch falsche Armutspolitik seine Klientel schafft? Die dazu vorgelegten, auch in englischer Sprache vorgelegte Bücher präsentieren eine empirisch abgesicherte Theorie sozialstaatlichen Handelns.

Gegenüber den übermächtig wirkenden Forschungsarbeiten zur „Transformation des Staates“ darf sein Engagement für eine international leistungsfähige und zugleich demokratische Hochschule nicht übersehen werden. Mitten in die Studentenbewegung knallte er 1967 die positive Provokation „Wider die Untertanenfabrik – Handbuch zur Demokratisierung Hochschule“. Es folgte unter dem Titel „Die angepasste Universität“ ein Vergleich Deutschland und USA. Seine Faszination für das pluralistischere US-Wissenschaftssystem trieb ihn an. 1975 argumentierte er mit einer Streitschrift gegen das Berufsverbot des großen Intellektuellen Wolf-Dieter Narr, dem der Ruf an die Universität Hannover versagt blieb.

Seit seinem Wechsel an die Bremer Universität konzentrierte er sich hartnäckig auf den Ausbau des sozialwissenschaftlichen Profils auch gegen den damaligen Ruf von der „roten Kaderschmiede“. Er tat dies als sozialwissenschaftlicher Universalist, d.h. ökonomische, politische, internationale und juristische Aspekte wurden zusammengeführt.

Einer seiner größten Erfolge ist die Gründung des DFG-Sonderforschungsbereichs „Staatlichkeit im Wandel“: Hier konnte er sein Können als sozialwissenschaftlicher Universalist, aber auch als begabter Manager entfalten. Stephan Leibfried hat die Chance durch die vom Bund und den Ländern eingerichtete Exzellenzinitiative für Bremen schnell und konsequent aufgegriffen. Er hat im sozialwissenschaftlichen Bereich entscheidend die Universität Bremen reif gemacht für ihre staatlich anerkannte Exzellenz.

Wie Stephan Leibfried dieses lesbare Arbeitspensum geschafft hat, bleibt ein Rätsel. Allerdings gehörte schon mal der Anruf am frühen Sonntagmorgen oder das Eindringen in das sonntägliche Frühstück seiner Kolleginnen und Kollegen. Auch zog er sich bei Feten, die er selbst zu verantworten hatte, mit einem Text aufs Sofa zurück. Viel Kraft hat er aus seinem engagierten Tennisspiel mit den Gegnern zur Weißglut bringenden Stopp- und Slice-Bällen geschöpft. Einmal wurde von Mannschaftskollegen beim Punktspiel gefragt, was das für einer sei. Er hatte sich in der Pause unter einem Baum gelegt und einen dicken Wälzer für sein neues Projekt studiert.

Dieser Vollblutwissenschaftler hat die Wissenschaftslandschaft befruchtet. Er hinterlässt ein wertvolles Erbe zur Lösung von sozialen Herausforderungen unter dem heutigen Druck gesellschaftlicher Spaltung auch im Zuge der Globalisierung. Ihm ein wenig gerecht zu werden, heißt, seine Bücher zu lesen. Die sind nach wie vor hoch aktuell.

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